Gnosis

Vom suchenden Menschen

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Ich war auf der Suche. Es ist schwer in Worte zu fassen, warum man ein suchender Mensch ist. Vielleicht kann man sagen: Man spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist mit dem Dasein.

Wir Menschen begegnen einander, als wären wir Fremdlinge. Wir leben nebeneinander her, jeder mehr oder weniger eingekapselt in sich selbst. Zwischen uns herrscht eine große psychische Entfernung. Einsamkeit, Misstrauen, Angst und vieles andere gehen damit einher. Die meisten haben sich mit diesem Zustand abgefunden. So ist es eben. Man muss Realist sein.

Ich fühlte mich gedrängt, nach den tieferen Ursachen zu forschen. Der Grund dieser Situation, so fand ich heraus, liegt darin, dass wir unserem Innersten gegenüber entfremdet sind. Unser Leben stimmt mit unserem Innersten nicht überein. Wir sind abgetrennt von tiefgehenden Bereichen unserer Seele.

Deshalb gibt es so viele suchende Menschen. Und fast jeder, auch wenn er sich nicht als Sucher bezeichnet, wird wohl in seinem Leben oft von einem Unbehagen heimgesucht, dessen Quelle in den tieferen Schichten seines Wesens liegt.

So weit, so gut. Aber was tun? Ich fand, dass Besinnungen und meditative Übungen nicht ausreichten. Es ging mir darum, etwas von dem ins Bewusstsein zu heben, was mich zur Suche veranlasste. So nahm ich – gemeinsam mit meiner Frau – an Aktivitäten verschiedener Gruppen teil, suchte Gleichgesinnte.

In einer der Gruppen erfuhren wir, dass wir Menschen einen Geistfunken in uns tragen, einen Funken ewigen Lebens. Er ist es, der Licht auf unser Leben wirft. Er ist die Ursache des Unbehagens an unserer jetzigen Lebensform.

Diese Sicht stimmte mit unserer Empfindung überein. Es geht um die Erweckung des Geistfunkens, der sich in einer Art Schlafzustand befindet. Das bedeutet eine innere Neugeburt, eine seelische Verwandlung. Die Freude, die wir empfanden, sagte uns, dass wir diesem Weg folgen sollten.

Der Gedanke des in mir ruhenden Geistfunkens ergriff mich. Ich trage etwas in mir, was in meiner jetzigen Daseinsform nicht richtig zum Ausdruck kommt. Mein Leben besitzt eine Art überschießende Qualität, ein nicht entwickeltes Potenzial.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass aus ihnen eigentlich etwas werden müsste. Im äußeren Leben wird nichts aus ihnen, aber das Gefühl bleibt. Der Grund hierfür wurde mir nun klar. Es ist uns aufgegeben, das Unsterbliche zu erwecken.

Die meisten Menschen haben Angst vor den eigenen Innenwelten. Da könnte etwas aufbrechen, was man nicht in den Griff bekommt. Mythen berichten von Untieren, von Drachen, die einen Schatz bewachen. Das bezieht sich auf unsere Situation. Eine Konstellation von Kräften hat sich um den Schatz unseres Innersten gelegt. Dadurch leben wir entfremdet von uns selbst. Ich fand es wichtig, Menschen zu treffen, die mit der Frage durchs Leben gehen: Was findet eigentlich statt?

Der Weg, den ich einschlug, führt zu einer inneren „Schwangerschaft”. Ein neues Wesen soll zur Geburt gebracht werden. Es ist das „wahre Selbst”. Die Gespaltenheit soll aufgehoben werden.

Aber ich erlebte, dass sie zunächst einmal noch deutlicher und krasser wird als vorher. Die beschönigenden Mäntel und Umhüllungen unseres Daseins zeigen sich nach und nach.

Froh bin ich, in einer Zeit zu leben, in der man einen solchen Weg inmitten der Gesellschaft gehen kann. Beruf, Familienleben, soziales Miteinander, alles wird zur nüchternen und notwendigen Ausgangsbasis, um das Neue erwecken zu können.

Ich spüre, dass unsere Zeit in gewisser Weise zu einem solchen Weg drängt. Es herrscht Orientierungslosigkeit. Die intuitive Erkenntnis von Zukunftsperspektiven ist erforderlich. Die Intuition auf dem inneren Weg bezieht sich auf die Zukunft des Menschen.

Es geht nicht primär darum, Wissen zu erwerben, obwohl auch das notwendig ist. Ich erlebe es als entscheidend, dass die Kraft zur Verwirklichung zur Verfügung steht. Das geschieht durch die Gruppenwirksamkeit.

In der Atmosphäre Gleichgesinnter, unter denen Menschen sind, die sich schon lange um einen solchen Weg bemühen, können Worte zu Trägern von Seelenkraft werden. Eine Verbindung zur Welt der unsterblichen Seelen kann entstehen. Das ist die Welt, aus der der Kern unseres Wesens stammt.

Die Hingabe, die Aufmerksamkeit für das, was sich regt, und die Umsetzung des innerlich Erfahrenen führen zu Verwandlungsprozessen. Ich lasse Neues, Ungewohntes zu. Die Prozesse dauern ihre Zeit. Die Zeiträume sind größer, als die eigene Ungeduld sie gerne hätte.

Die Beziehung zur Welt der unsterblichen Seelen wächst auf dem Weg. Das vielleicht Wichtigste, was ich erkenne, ist, dass es nicht um mich selbst geht. Die Seelenwelt wirkt durch alle Menschen hindurch. In der Beziehung zu ihr sind wir alle Brüder oder Schwestern. Es geht um das, was uns in der Tiefe vereint, um das Band zwischen uns. Und um das Band zwischen uns und der Erde.

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