Über das Unzerstörbare …

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Konrad Dietzfelbinger spricht in seinem Buch Kafkas Geheimnis

vom Unzerstörbaren und beschreibt es u.a. mit folgenden Worten:

Das Unzerstörbare wirkt anders als alle Erscheinungen dieser Welt.

Es foppt nicht und lockt nicht. Es entzieht sich dem nicht, der sich ihm öffnet. Es ist nicht beschreibbar. Lässt der Mensch aber lange genug seine Wirkungen zu, so ergeben sich Erfahrungen über das Verhältnis des Unzerstörbaren zum Zerstörbaren. Es handelt sich um zwei Ordnungen, die völlig unterschiedlich, ja gegensätzlich, einander sich ausschließenden Gesetzen gehorchen. Trotz der Unvereinbarkeit beider Ordnungen hat der Mensch an beiden teil. Er ist ein Wesen auf der Grenze zwischen ihnen und kann sie daher beide erleben. Er steht im Einzugsbereich zweier Gesetzmäßigkeiten, die sich jedoch gegenseitig ausschließen. Es ist ihm überlassen, welcher er sich hingibt. Wendet er sich der Ordnung der Zerstörbarkeit zu, bleibt er dem gewöhnlichen Leben verhaftet und bleibt selbst auch zerstörbar. Lässt er aber das Unzerstörbare in sich wirken, so wird das Zerstörbare allmählich zerstört und die Unzerstörbarkeit tritt an seine Stelle. In seinem eigenen Wesen wirkt das Unzerstörbare wie eine unerschöpfliche geistige Speise. Nimmt sie der Mensch unmittelbar auf, isst er davon, so nährt ihn das Unzerstörbare, und er wird ihm gleich. Nährt er sich jedoch nur von Vorstellungen und Absichten über das Unzerstörbare, so lebt er lediglich von Erfahrungen, die er selbst oder die Menschheit schon einmal gemacht hat, also von Erinnerungen und Konventionen, von kraftloser, vergänglicher Speise. So bleibt er selbst vergänglich. Der Seinszustand eines Menschen hängt davon ab, aus welcher Ordnung er sich ernährt. Es kommt zu Degenerationserscheinungen, wenn die unvergängliche Speise zugunsten der vergänglichen aufgegeben wird.

Freilich ist es nicht beliebig, wohin der Mensch sich wendet, wenn ihn ein Anhauch des Unzerstörbaren trifft. Er erfährt ihn als einen inneren Anspruch, dem er zwar ausweichen kann, indem er sich von Neuem mit der Welt der Erscheinungen einlässt und dort Vergessen sucht, der aber immer wieder auftritt und Konsequenzen fordert. Dieser Anspruch folgt aus der Erfahrung, dass im Unzerstörbaren der Sinn der Existenz des Menschen liegt. Im Lichte dieses Anspruchs erscheint das Leben im Zerstörbaren als unwahr, höchstens vorläufig, es hat keine Berechtigung mehr in sich selbst und muss früher oder später abdanken.

Mit dieser Einsicht wächst die Erfahrung, dass ein Ziel gegeben ist, und dass es einen Weg geben muss, dieses Ziel zu erreichen.

Aus: Konrad Dietzfelbinger, Kafkas Geheimnis

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