Der Stern von Tübingen: Tobias Hess

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Im Jubiläumsjahr 2014 zum Erstdruck der Fama Fraternitatis erschien ein außerordentlich reichlich bebilderter Ausstellungskatalog der Bibliotheca Philosophica Hermetica. Lesen Sie hier einen Artikel über Tobias Hess, einem mutigen Verfechter neuer Ideen zu seiner Zeit. Zu beziehen ist das Buch beim DRP – Rosenkreuz – Verlag für 30,00 €. Bestellung hier:

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Die große, inspirierende Kraft hinter den Rosenkreuzer-Manifesten war Tobias Hess, der am 31. Januar 1568 in Nürnberg als Sohn von Magdalena und Johann Hess geboren worden war. Entsprechend dem Wunsch seines Vaters schrieb er sich 1583 an der Universität von Altdorf ein, um Jura zu studieren. Fünf Jahre später ging er nach Tübingen, wo er am 10. Mai 1592 den Doktortitel für kirchliches und weltliches Recht erwarb. Johann Valentin Andreae verfasste zur Erinnerung an seinen verehrten Freund Tobiae Hessi, viri incomparabilis, Immortalitas, 1614 einen glanzvollen Nachruf, der jedoch erst 1619 veröffentlicht wurde. Darin heißt es, Hess habe während seiner Zeit an der Universität … eine ganz ungewöhnliche Beherrschung des Lateinischen, Griechischen und des Hebräischen erlangt; auch die ganze Philosophie hatte er nicht wie gewöhnlich nur überflogen, sondern sie geradezu einverleibt, und ähnlich verfuhr er mit der Dichtkunst und der Geschichte; darüber hinaus hatte er sich sehr oft bei Handwerkern verdingt und es in der Mechanik zu solcher Kunstfertigkeit gebracht, dass ihm nur wenige gleichrangig, zahllose aber unterlegen waren. Ob es sich um Fragen der Mathematik, der Naturphilosophie oder der Geschichte handelte: er hatte die Antworten parat, sie flossen ihm buchstäblich aus dem Munde.

Aber Hess war damit nicht zufrieden. Er sagte seinem jungen Freund Andreae: „Ich habe keine Nahrung gefunden für den Geist und die Seele”. Nachdem er eine Weile als Anwalt in Speyer und in Tübingen tätig gewesen war, beschloss Hess, sich dem Studium der Medizin und Botanik zu widmen, um im „Buch der Natur” zu lesen – „Librum Dei magnum”, dem großen Buch Gottes. Intensiv befasste er sich auch mit dem Werk von Paracelsus. Er tat dies so sehr, dass sein Ruf als Paracelsianer sich in Tübingen und ganz Deutschland verbreitete. Am Schluss von Oswald Crolls einflussreicher Erklärung der Paracelsischen Lehren in Basilica Chymica (1609), einem sehr populären Werk, das mehrmals neu aufgelegt wurde, wird Hess als jemand gefeiert, der „den quälenden Paragraphen der unbeugsamen Rechtswissenschaft den Rücken gekehrt hat, um in der Lage zu sein, sich nun Deinem Werk, oh König Paracelsus, zu weihen” (Ille prius rigidi perplexa volumina iuris, Nunc Opus evolvit, Rex Paracelse, tuum).

Tatsächlich muss Johann Valentin Andreae selbst Zeuge gewesen sein, wie sehr Hess der Praxis der Alchemie zugewandt war. Andreaes Vater und Hess hatten Experimente in Andreaes eigenem Elternhaus durchgeführt. Viele alchemistische Rezepte, die die Namen von Magister Johannes Andreae und Tobias Hess tragen, sind erhalten geblieben. Sie enden alle mit einer Verneigung vor dem „unsterblichen Chymisten Jesus Christ, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der eins ist mit dem Vater und dem Heiligen Geist, dem unsterbliche Ehre und ewige Glorie sei für diese wunderbaren Werke, für immer und ewig. Amen, Amen, Amen”. (Immortali Spagyro Christo Jesu crucifixo et resuscitato, in unitate Patris et spiritus Sancti pro hisce magnalibus sit honor immortalis et perennis gloria in secula seculorum amen amen amen).

Nicht jeder lobte jedoch Tobias Hess. Zwischen 1599 und 1609 beschwerten sich wiederholt die Galenisten, die wir heutzutage die „normalen Ärzte” nennen würden, über den Anhänger des gottlosen Paracelsus Tobias Hess, „der sogar in seinem Haus Vorlesungen über Hohenheims Werke hält”. Und dann kam noch hinzu, dass Hess ein Chiliast war und an das kommende „tertio seculo” oder Goldene Zeitalter des Heiligen Geistes glaubte, das zur Wiederkehr Christi führen würde. Seine chiliastischen Neigungen blieben der Theologischen Fakultät nicht verborgen und Hess wurde zwei Mal wegen der Verbreitung solcher Ansichten verhört. Seit der Zeit, als er als junger Mann eine Vision über den Untergang der Römisch-Katholischen Kirche hatte, besaß er eine „apokalyptische Neigung”. In einem Brief an Herzog Friedrich von Württemberg, den er schrieb, als er 1605 von der Theologischen Fakultät angegriffen wurde, legte er seine Vision dar:

Der Löwe rückte ganz nah an meinem Rücken heran, drückte mir die Feder in die Hand und drängte mich, alles niederzuschreiben, was ich während der Vision vernahm. Als ich noch ein junger Mann war, erschien mir eben dieser Löwe, von einer großen Menge von frohlockenden und Palmzweige schwingenden Begleitern umgeben, wobei dessen Anblick allein genügte, um erneut die Erinnerung an den verlorengegangenen heiligen Zustand wachzurufen. Dieser Löwe nun sprach unter furchtbarem Brüllen und erklärte mir die Gründe seines Auftretens: Dass er nämlich als Retter von seinem Volk, das bis in das gegenwärtige Alter Tag und Nacht Wache gestanden habe, zu kämpfen gekommen sei, um das Gericht durchzuführen. So sprach der Löwe, und während er noch redete, fing darüber plötzlich die Erde an, sich zu bewegen, sodass sie in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Ich war wie erstarrt und wagte es nicht, ja nicht einmal, den Mund aufzumachen. Aus seinem Rachen, wenn ich es sagen darf, strömten feurige Funken und Sturmwinde, sodass die Tiere der Luft emporflatterten und mit ihrem Flattern alles, was ihnen entgegen kam, in dicken Rauch und Staub verwandelten. Sogar der Adler [Schrecken und zugleich Zierde der Welt], der schon viele Widrigkeiten der Zeiten überwunden hatte, wurde aufgescheucht, sodass er verwundet wurde und allmählich seine Federn verlor; so lag die Babylonische Hure rücklings und entblößt darnieder [o brüllender Schlund], sich schmachvoll auf der Erde wälzend vor den Augen der vielen sie umgebenden Völker und Nationen, die früher ihre Macht gefürchtet hatten, als sie noch die Alleinherrscherin der ganzen Welt gewesen war.

Hess hatte dem Herzog auch über zahlreiche Zeichen und Wunder geschrieben, die am Himmel erschienen und große Dinge ankündigten. In den Worten von Johann Valentin Andreae war Hess einer der Menschen, die „nicht auf dieser Erde mit den vielerlei Zeichen, die Gott uns gibt, als Blinde wandern, sondern die wissen, warum diese Zeichen geschehen und was sie bedeuten, im Gegensatz zu den Ignoranten, die diese als sinnlos und zufällig betrachten”. Hess’ chiliastische Erwartungen werden in Kapitel 6 der Confessio Fraternitatis wiedergegeben: „Uns werden ebenfalls unsere Schätze unangetastet überlassen bleiben, bis der Löwe sich erheben, sie nach seinem Recht für sich zurückfordern und an sich nehmen und sie zur Fortdauer seines Reiches anwenden wird.” Die Fama Fraternitatis gibt ebenfalls der Hoffnung Ausdruck, dass es in Europa einen einschneidenden Wechsel geben wird: „Europa geht schwanger und wird ein starkes Kind gebären, das das Geschenk eines starken Paten nötig haben wird”. Dennoch ging es Hess an erster Stelle um eine spirituelle Revolution, eine Innovatio orbis, wie er es in seinem Brief an Herzog Friedrich von Württemberg nannte.

Am Ende, so schrieb Andreae in seiner Biographie über Hess, verließen sogar einige der früheren Freunde Hess, weil sie nicht „in das Gespött, das dieses unschuldige Herz ertragen musste, hinein gezogen werden” wollten. Gegen Ende seines Lebens war Hess die Zielscheibe von „höhnischen Anschuldigungen” geworden und wurde als „abergläubig, mönchisch, exzentrisch, fantastisch” abgewiesen; andere „Lügner” nannten ihn, wie Andreae ausführt, Prinz von Utopia, Traumdeuter, Pseudo-Prophet. Seine Freunde, die wie Brüder zu ihm standen, wurden verflucht und verspottet als Verein der Phantasten, als geheimer Bund von Intriganten und dunkle Gesellschaft von Verschwörern.

Zu diesem „Verein der Phantasten”, der Freunde von Tobias Hess, gehörte zunächst Simon Studion (1543-1605), der Mann, der Naometria („Die Vermessung des Tempels”) schrieb, ein Buch mystischer und prophetischer Berechnungen auf der Basis der Bibel, das Hess begeistert studierte (daher die höhnische Bezeichnung „Pseudo-Prophet”). Studion prophezeite, dass der Papst 1612 durch Herzog Friedrich gestürzt werden würde, denselben Prinzen, dem Hess seine Jugendvision über das Ende des Papsttums erzählte. Um 1608 hatte sich in Tübingen ein Freundeskreis gebildet, der aus Tobias Hess, Abraham Hölzel, einem österreichischen Adligen, der in Tübingen religiöse Zuflucht gefunden hatte, Pastor Johann Vischer und Andreaes jüngerem Bruder Johann Ludwig bestand. Andreae nannte die Gruppe einen „intimum amoris foedus”, einen Bund der Liebe. Für ihn war diese „societas” die Blaupause für die utopischen Gemeinschaften, die er später entwerfen sollte (von denen sein Christianopolis sicher die bekannteste ist). Unter den Freunden, die Tobias Hess bis zum Ende loyal blieben, waren auch der Mathematiker Wilhelm Schickard, der Alchemist Christoph Welling, die Ärzte Samuel Hafenreffer und Anton Frey sowie Wilhelm Bidenbach, der die Erzählung aus Boccalinis Ragguagli di Parnaso übersetzt hatte, die bei der ersten Ausgabe der Fama Fraternitatis mit abgedruckt war. Ein anderer enger Freund von Hess und Andreae war Christoph Besold, Juraprofessor und begeisterter Büchersammler, der später Hess‘ Bibliothek erbte. Besold hatte anfänglich auch an die Wahrheit der Prophezeiungen geglaubt. Im Oktober 1614 verhöhnte er jedoch in der Ansprache zum Ende seiner Amtszeit als Rektor der Universität von Tübingen „die unverständlichen Berechnungen der Naometrianer, der platonischen Zahlen von Ficino, die Wunder neuer Sterne oder die Machtausübungen planetarer Engel und anderer magischer Zeichen nach den Lehren von Trithemius und der Kabbalisten”. Dabei haben sich sicherlich sich unter den Zuhörern auch solche befunden, die sehr wohl wussten, dass Besold nach wie vor eng mit einigen der „Naometrianern” und „Kabbalisten” befreundet war, die er in seiner Ansprache so hochmütig nieder machte! Heutzutage wird dieser bemerkenswerte Freund von Hess und Andreae nicht länger als einer der Autoren der Rosenkreuzer-Manifeste betrachtet. Allerdings muss er besser über den Ursprung und die Autorenschaft der Manifeste informiert gewesen sein, als er zugab bei der Notiz auf seinem Exemplar der Fama Fraternitatis: „Autorem suspicor J.V.A.”: Ich vermute, dass Johann Valentin Andreae der Autor ist.

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