Religion Spiritualität

Aus dem Traktat über die Abgeschiedenheit

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Ich habe die Schriften gelesen sowohl der heidnischen Meister wie Propheten des alten und neuen Testamentes und habe mit Ernst und mit ganzem Eifer danach gesucht, welches die höchste und beste Tugend sei, mit der sich der Mensch am meisten und am allernächsten Gott verbinden und mit der der Mensch von Gnaden werden könne, was Gott von Natur ist und durch die der Mensch in der größten Übereinstimmung mit dem Bilde stände, das er in Gott war, in dem zwischen ihm und Gott kein Unterschied war, ehe Gott die Geschöpfe erschuf.

Und wenn ich alle Schriften durchgründe, soweit meine Vernunft es zu leisten und soweit sie zu erkennen vermag, so finde ich nichts anderes, als dass lautere Abgeschiedenheit alles übertreffe, denn alle Tugenden haben irgendein Absehen auf die Geschöpflichkeit, während Abgeschiedenheit losgelöst von allen Geschöpfen ist…

Die Lehrer loben die Liebe in hohem Maße, wie es Paulus tut, der sagt: Welches Tun auch immer ich betreiben mag, habe ich die Liebe nicht, so bin ich nichts (vgl. 1. Kor. 13,1 ff.)

Ich hingegen lobe die Abgeschiedenheit vor aller Liebe, weil sie Gottes Liebe zu mir und nicht meine Liebe zu Gott freisetzt (erzwingt).

Das Beste an der Liebe ist, dass sie mich zwingt, dass ich Gott liebe, wohingegen die Abgeschiedenheit Gott zwingt, dass er mich liebe. Nun ist es um vieles vorzüglicher, dass ich Gott zu mir zwinge, als dass ich mich zu Gott zwinge. Und das liegt daran, weil Gott sich eindringlicher zu mir fügen und besser mit mir vereinigen kann, als ich mich mit Gott vereinigen könnte…

Die Leere des freien Geistes erzwingt Gottes Selbstmitteilung. Ein Meister, der heißt Avicenna, spricht: Der Geist, der abgeschieden ist, dessen Adel ist so groß, dass, was immer er schaut, wahr ist und, was immer er begehrt, ihm gewährt ist… Gott kann dem abgeschiedenen Geist nicht mehr tun, als dass er ihm sich selbst gibt.

Abb.: Gemälde von Leighton
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