Poesie Lyrik

Tor und Gral

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Die Mutter gab mir Regel und Pflicht.
So könne ich gut durch das Leben kommen.
Ich zog durch die Welt und erkannte Ihn nicht.
So manches Turnier mit Pferd, Speer und Schwert ich gewonnen.
 
Es bestätigte sich, beachte die Regeln und deine Pflicht,
so gerätst du nicht aus dem Gleichgewicht.
Das Gesetz ist dir heilig und bleibst du ihm treu
So fühlst du dich täglich voll Mut und bist frei.
 
Doch hat dieses Leben auch Inhalt und Sinn?
Der Zweifel nagt stärker und bringt mich ins Wanken.
Und Weggenossen weisen mich darauf hin,
Es anders zu tun, mit mehr Rücksicht und Schranken.
 
Und ich zog durch die Welt und erkannte Ihn nicht.
Was mache ich falsch? Ich befolg doch die Lehre.
Und mein Handeln und Kämpfen war aus meiner Sicht
Zum Scheitern verurteilt und bracht keine Ehre.
 
Der Zweifel ward stärker und ließ mich stets fragen
Warum kann ich nicht selbst zu denken wagen?
Halte Glauben für Wissen und als Wert das Nachäffen.
Nichts berührt mich mehr, kann mein Herz noch treffen.
 
Und dieser Gedanke vom eignen Denken macht klar,
dass guter Ratschlag und Norm meine Torheit war.
Ja, das Feuer der Einsicht, das eigne Verstehn und dann meine Tat
Befrein mich vom Kampf gegen Feind, Tod und Verrat.
 
Innere Ruhe, Selbstwert und ideales Verlangen,
Reue und Mitleid, Ehrfurcht vor fremdem und eigenem Ziel
Klären die Haken und Dornen, an denen wir hangen.
Sie zeigen uns brennend, dass wir Opfer im großen Spiel.
 
Geistflamme des Anfangs und Strahlung des eignen Wesens und Sinn,
Feuer erhellt Seele, stofflichen Mensch und Person, die ich bin.
Ganz neu offenbart sich Geist, Seele und Körper im heiligen Sein.
Ich erkenne den Gral und füll meinen Anteil am Dasein hinein,
 
Entleere mein Herz von Gelehrtem und Regelwerk.
Ich besteige aus eigner Erkenntnis das Gebirge der inneren Stille.
Such zielstrebig den Gipfel und scheitere nicht im Berg.
Nicht meiner geschehe, sondern nur dein Wille.
 
Foto: Hermann Achenbach – Deckenfresko Rilakloster in Bulgarien
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