Freiheit

War Sokrates dumm?

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„Ich weiß, dass ich nichts weiß” ist eine der überlieferten Aussagen des griechischen Philosophen Sokrates. Ist das viel an Wissen oder wenig?

Sokrates setzt sich mit diesem Ausspruch sicherlich ab von Menschen mit einer gewissen Eigenliebe, die unter Umständen in Eitelkeit gipfelt; auch von Menschen, die keine kritische Selbstreflexion üben und schließlich von denen, die liebgewordene Vorurteile nähren und Anderes – Fremdes und Neues – ablehnen.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß” – das kann auch bedeuten: Ich bin offen für deine Gedanken und Ideen, ich bin nicht festgelegt in meinen Ansichten. Platons Dialoge dokumentieren eine Offenheit des Sokrates und seinen Respekt gegenüber Andersdenkenden.

Jeder leidet auf irgendeine Weise an der Divergenz zwischen dem, was er weiß und der Fülle dessen, was er nicht weiß. Man kann mit Intelligenz und Phantasie damit umgehen. Man braucht nicht auszuweichen in die enge Gasse, in der man sich Gleichgesinnte sucht, die die eigenen Überzeugungen bestätigen und verstärken. Dummheit und Klugheit – jeder hat mehr oder weniger mit beiden Phänomenen zu tun.

Kann Objektivität und ein rationaler Blick die Situation verbessern? Theodor W. Adorno sagte, dass ein Denken, das seine triebhaften Wurzeln und Emotionen unreflektiert lässt, sich selbst kastriert. Sicherlich hilft eine Kultur des Denkens. Man kann die gefundenen Gedanken mit seinen Empfindungen durchdringen. Wie fühlen sie sich an? Und schließlich wird man das Gefundene im eigenen Leben anwenden. So zeigt sich, ob es realitätsnah und vielleicht sogar wahr ist.

Aber bei alledem bleibt es dabei, dass wir die Ideen, die sich in der Schöpfung ausprägen, nicht richtig erfassen können. Unser Denk- und Erfahrungsbereich ist zu begrenzt. Seit Jahrtausenden gibt es Gnostiker, die versuchen, das Hintergründige der Schöpfung zu

verstehen, das Numinose, das Geheimnisvolle, das mit jedem Wesen verbunden ist. Sie lehnen Festlegungen, Dogmen der Religion ab, um unvoreingenommen und offen das „Unergründliche” aufnehmen zu können.

In der heutigen Zeit pflegt man demgegenüber die agnostischen Sichtweisen. Sie besagen, dass der Mensch das Übersinnliche und insbesondere das Göttliche nicht erkennen kann. Das Transzendente lasse sich höchstens erahnen; es sei Sache des Glaubens. Das führt dazu, dass man die eigene Verankerung im Transzendenten aus dem Bewusstsein verbannt. Man versucht nicht mehr, sie zu erforschen. Letztlich wird dadurch auch der Glaube untergraben. Er wird vom Wissen getrennt. Tiefer Glaube ist indes ein Ermöglicher für inneres Wissen. Werden die Schritte zum inneren Wissen nicht gegangen, so geht die Tiefendimension der Maßstäbe für unser Verhalten verloren.

Gnosis bedeutet ein allmähliches Vertrautwerden mit der Tiefe, mit den geistigen Kräften hinter den Phänomenen. Dieses Vertrautwerden – das direktes Erkennen und Empfinden vereint – entfaltet sich stufenweise. Niemand wird dabei sagen können, er sei am Ziel angelangt. Und doch wird es auf einem solchen Weg möglich, den eigenen Willen ahnend dem schöpferischen Willen unterzuordnen und mehr und mehr im Einklang mit den schöpferischen geistigen Kräften zu leben und zu wirken.

Wir benötigen Gnosis. Warum sollten wir unsere eigene transzendente Seite verleugnen? Sie erst kann uns die richtige Richtung weisen. Im Transzendenten ist Liebe begründet und Akzeptanz für die Vielfalt der Entwicklungen.

Gnosis kann Menschen unterschiedlicher Glaubens- und Grundeinstellungen zusammenführen. Entscheidend ist das ernsthafte Bestreben, täuschungsfreie Wirklichkeit zu erfahren. Jeder erlebt dabei, wie unterschiedlich die Wege zu solcher Erkenntnis sind. Oft scheinen die inneren Prozesse anderer mit dem eigenen Erleben nichts zu tun zu haben. Doch gerade die Vielfalt der gnostischen Erfahrungen bildet, wenn sie sich zusammenfügt, das Gralsgefäß, in das sich das Unergründliche am ehesten ergießen kann. Es ist die beste Annäherung.

Ein Mensch, dem sich Transzendentes mitgeteilt hat, wird Sokrates unmittelbar zustimmen. Das höchste menschenmögliche Wissen gipfelt in der Erkenntnis, als Geschöpf aus eigener Kraft nichts wissen zu können. Dann wird es möglich, Anteil zu erhalten an dem Wissen, das die Schöpfung – und damit auch das menschliche Bewusstsein – vorantreibt und trägt.

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