Gnosis

Nur nicht erwachen Teil 1

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Die letzte Strophe in Friedrich Schillers Gedicht Das verschleierte Bild zu Sais lautet:

… „Ich will sie schauen! (…)

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.

Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?

Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,

So fanden ihn am andern Tag die Priester

Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.

Was er allda gesehen und erfahren,

Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig

War seines Lebens Heiterkeit dahin,

Ihn riss ein tiefer Gram zum frühen Grabe.

„Weh dem”, dies war sein warnungsvolles Wort,

Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,

„Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld!

Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.”

Es gibt gute Gründe, nicht zu erwachen. Und doch … Täglich berichten die Medien von neuen Schrecknissen, die wir uns zufügen. Ein einziger dieser Berichte müsste genügen, um den Drang zu erwecken, aufzuwachen.

Wenn wir schlafen, merken wir nicht, dass wir schlafen. Am Morgen, sobald wir die Augen öffnen, ist die Welt anders. Sie ist hell und licht, anders als in der Nacht. Wie aber, wenn unser Dasein insgesamt ein Schlaf wäre – aus dem wir erwachen könnten?

Immer schon gab es Menschen, die das gesagt haben. Ein solches Erwachen geschieht allerdings nicht von selbst. Es ist ein eigenartiges Geschehen, das Hingabe fordert, ein Leben lang und dessen Erfolg nicht feststeht. Neue Augen müssen heranwachsen, und was sie wahrnehmen, muss verstanden werden. Dafür müssen neue Gedanken entstehen, die alten haben nur Geltung für das Dasein im Dunkeln. Sie sagen: „Das kann nicht sein. Du bist ein Träumer. Das kannst du niemandem klarmachen.” Ja, das stimmt. Es ist zu ungeheuerlich. Deshalb bereitet es sich, ehe „es geschieht”, mit langer Hand vor.

Eine Sufi-Geschichte deutet in diese Richtung. Sie lautet in gekürzter Form:

Ein weiser Kadi mit Namen Mustafa entdeckt in einem Laden im Basar in Istanbul eine alte, verrostete Brille. Sie lag in der hintersten Ecke. Er setzt sie auf und beginnt zu lachen. Der Händler wollte ihn gerade betrügen. Die Brille zeigt ihm, dass die Rubine am Griff des Dolches, den er kaufen wollte, nicht echt sind. Mustafa erwirbt die Brille zu einem hohen Preis. Er setzt sie auf, schaut den Händler an und sagt: „Das Geld wird reichen bis zu deinem Tod”.

Mustafa geht durch die Stadt, deren malerisches Treiben ihm immer so gefallen hat und sieht den Schmutz und die Verwahrlosung. Er schaut die Menschen an und – „die ganze Schwäche des menschlichen Geschlechtes” zieht „in tausenden von Beispielen” an ihm vorüber. Zu Hause bemerkt er Umstände, die er bisher nicht beachtet hatte. Er erkennt, dass seine geliebte Frau, Selime, ihn mit einem jungen Dichter betrügt. Er verstößt Selime.

Dem jungen Dichter, der den Namen Fachredddin trägt, leiht Mustafa die Brille für eine Woche. Dieser blickt durch sie Selime an und sie erscheint ihm plötzlich als albern und eitel und gar nicht besonders schön. Und die Sprache seiner Gedichte – er entlarvt sie als lächerlich. Fachreddin führt sich sein Leben vor Augen – und sieht Irrtum, Täuschung, Traum. Nach Ablauf der Woche schickt er die Brille an Mustafa zurück mit einem Brief, in dem er bedauert, dass Mustafa noch „in diesem Tal des Irrtums” wandeln müsse. Er, Fachredding, mache seinem Leben nun ein Ende.

Mustafa wird kurz darauf zum Großwesir des Sultans ernannt. Er beschließt, die Brille dem Sultan zu schenken, damit dieser weise und gerecht regieren könne. Der Sultan benutzt sie und nimmt wahr, wie ihn alle an seinem Hof auf irgendeine Weise betrügen, ja dass der Koch ihn sogar vergiften will. „Eines Tages betrachtete er den ganzen Harem mit seiner Brille. In der nächsten Nacht ließ er ein Schiff, mit hundert Frauen besetzt, im Bosporus versenken.”

Der Sultan erkennt mit seiner Brille begangene und geplante Verbrechen. Niemand ist mehr vor ihm sicher. Die Achtung, die sein Volk ihm gezollt hatte, verwandelt sich „in Entsetzen vor seiner Strenge und in Hass vor seinem Wüten”.

Da zieht Mustafa als ein letztes und verzweifeltes Mittel einen Spiegel aus seiner Tasche und hält ihn dem Sultan vor. Dieser ist zutiefst erschüttert über das, was er von sich sieht. Schweigend verbringt er Wochen und Monate. Mustafa verhilft ihm dazu, das Erkannte zu verarbeiten. So wird der Sultan zu einem guten Herrscher. Er gewinnt die Liebe seines Volkes zurück. Nur das eigene Glück vermag er nicht zu finden; er versinkt in Einsamkeit.

Da kommt eines Tages ein Zwerg an seinen Hof, überaus hässlich anzusehen. Der Zwerg hört von der Situation, lässt sich von Mustafa zum Sultan führen und bittet ihn, die Brille einmal aufsetzen zu dürfen. Nach wenigen Momenten ruft er: „Ihr verwendet sie falsch, hoher Gebieter”, bricht ein Glas aus der Brille heraus, wirft es zu Boden und stampft darauf herum, so dass es in tausend Scherben zerspringt. Dem erschrockenen Sultan erklärt er:

„Des Menschen Wesen besteht aus Träumen und aus Erkennen, und niemand weiß, wann er träumt und wann er erkennt. Du hast mit dieser Brille und durch ihre beiden Gläser wohl das Erkennen gelernt, Herr, aber das Träumen verloren, und mit dem Träumen die Liebe und das Glück. Sieh dir nun die Welt an mit einem träumenden und einem erkennenden Auge, und du wirst das Wunder zustande bringen, weise und glücklich zugleich zu sein.”

Und so geschieht es. „Der Sultan wurde der beste Herrscher des Morgenlandes, und Mustafa heiratete sehr bald seine Selime wieder, die er niemals ganz vergessen hatte.”

Fortsetzung folgt

Die Geschichte von Mustafa steht ungekürzt bei Wolfgang Kosack, Geschichte der Gnosis in Antike, Urchristentum und Islam, Berlin 2014

Abb.: Alexandre Cabanel
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