Märchen

Rotkäppchen und der Wolf I

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Interpretation: Die Großmutter und das Rotkäppchen

Das Märchen „Rotkäppchen und der Wolf” gehört zu jenen zahlreichen Volksmärchen, die von den Brüdern Grimm gesammelt und veröffentlicht wurden.

Es handelt sich hier um ein scheinbar einfaches Kindermärchen, das versucht, wie alle echten Märchen, eine in symbolischen Bildern verschlüsselte Wahrheit zu vermitteln.

Schritt für Schritt enthüllt das Märchen seine Botschaft und führt  dabei auf eine Reise ins eigene Wesen des Lesers.

Wer hat sich nicht schon mitunter gefragt: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Das Märchen in Kurzfassung

Ein Kind, das noch ohne Namen war, erhielt einst von seiner Großmutter zur Geburt ein rotes Käppchen geschenkt. Weil es ihm so gut stand, wurde es Rotkäppchen genannt.

Im Auftrage der Mutter soll Rotkäppchen  der kranken Großmutter Kuchen und Wein zur Stärkung bringen.

Die besorgte Mutter ermahnt das Kind, nur ja nicht vom Wege abzuweichen, da im Dickicht des Waldes ein böser Wolf hause.

Rotkäppchen begibt sich auf den Weg zur Großmutter. Im Wald trifft es auf den Wolf. Er verführt das Kind dazu, Blumen zu pflücken, um der Großmutter eine Freude zu machen. Arglos folgt Rotkäppchen diesem Rat. Dabei vergisst es, wozu es sich auf den Weg gemacht hat.

Der Wolf geht indessen zur Großmutter und verschlingt sie. Er zieht ihre Kleider an, legt sich in ihr Bett und wartet auf Rotkäppchen, das noch mit Blumenpflücken beschäftigt ist.

Endlich besinnt sich das Kind und findet den Weg zum Haus der Großmutter.

Rotkäppchen betritt das Häuschen und glaubt, die Großmutter im Bett  zu erblicken. Es wundert sich aber über deren seltsames Aussehen. Es lässt sich von der Verkleidung des Wolfes täuschen.

Erstaunt fragt es, warum sie so große Ohren, so große Augen, so große Hände und einen so riesigen Mund habe.

Der Wolf antwortet jeweils: damit ich dich besser hören, besser sehen, besser packen und besser fressen kann. Damit packt er das überraschte Rotkäppchen und verschlingt es. Befriedigt schläft er ein.

Ein Jäger geht am Häuschen der Großmutter vorbei und hört verdächtig lautes Schnarchen. Er geht hinein und erkennt, was geschehen ist.

Mit einem scharfen Messer schneidet er dem Wolf den Bauch auf. Die Großmutter und das Rotkäppchen entsteigen dem dunklen Gefängnis unversehrt.

Der Bauch des schlafenden Wolfes wird nun mit Steinen gefüllt und zugenäht. Als dieser erwacht, ist er durstig und will am Brunnen trinken. Aber die Last der Steine in seinem Bauch zieht ihn in die Tiefe. Der Wolf ertrinkt. Die Großmutter und das Rotkäppchen freuen sich über ihre Befreiung.

Nur fünf „Personen” bestimmen die Handlung: die Großmutter, das Rotkäppchen, die Mutter, der Wolf und der Jäger. Diese Akteure sind als Prinzipien zu verstehen, als Kräfte, Charaktereigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen, die jeder Mensch- mehr oder weniger bewusst- in sich trägt.

Sie werden in der nachfolgenden Interpretation des Märchens näher beleuchtet unter dem Aspekt: … und was hat das alles mit mir zu tun?

Beginnen wir nun die spannende Reise zum eigenen Selbst.

Interpretation des Märchens

  1. Die Großmutter und das Rotkäppchen

Ein Kind, das noch ohne Namen war, erhielt einst von seiner Großmutter zur Geburt ein rotes Käppchen geschenkt. Weil es ihm so gut stand, wurde es Rotkäppchen genannt.

Wer mag diese Großmutter sein, von der nur andeutungsweise erzählt wird, die aber nie wirklich in Erscheinung tritt?

Sie symbolisiert das Uralte, die Ur- Mutter, den Ursprung. Sie ist der „Geistfunke”, den jeder Mensch noch immer als Erbe in seinem Herzen trägt. Er stammt  aus jener fernen Zeit, da der Mensch als ein unsterbliches Geist-Seelen-Wesen, als ein „Mikrokosmos” in einem paradiesischen Bewusstseinszustand lebte. Sein gottgegebener Verstand empfing die göttlichen Botschaften und folgte dem göttlichen Willen. Doch als der Verstand seinen Eigenwillen entdeckte und sich verselbständigte, verlor der Geist-Seelen-Mensch den Kontakt zur göttlichen Führung und damit seine Weisheit. Es wurde dunkel um ihn. Er sank tiefer und tiefer und fand sich wieder als ein sterblicher Körper-Mensch mit einer ebenso sterblichen Seele. Er gründete ein eigenes Reich auf Erden: unser heutiges Lebensfeld,  das Reich der Materie, des Wahns, der Unfreiheit und des Todes, worin der sterbliche Mensch sich vergeblich bemüht, ein irdisches Paradies zu erschaffen.

Noch immer umhüllt ein mikrokosmisches Energiefeld den irdischen Körper, aber vom strahlenden Glanz  der ursprünglichen Geist-Seele blieb nur dieser winzige Geistfunke übrig, der bis heute im mikrokosmischen Herzen verborgen ist, das sich „hinter” unserem Herz befindet. Dieser kleine Rest einstiger Herrlichkeit ist zwar unsterblich, wird aber vom alles beherrschenden menschlichen Verstand verleugnet.

So müssen wir Menschen erkennen: die göttliche Geist-Seele ist in uns im Dunkel der Unwissenheit versunken. Erst wenn ihr leises Rufen gehört wird, kann sie wieder erwachen, und erst dann kann der Weg zum ursprünglichen Reich Gottes wieder gefunden werden. Der Geistfunke im Herzen, das ist die „Großmutter” in ihrem einsamen Häuschen im dunklen Walde. Sie möchte  erlöst werden aus der irdischen Gefangenschaft. Dazu muss aber auch die wahre Seele erwachen und wirksam werden. Sie ist das „Rotkäppchen”.

Wenn also die Großmutter dem Rotkäppchen zu Beginn der Geschichte ein „rotes Käppchen” zur Geburt schenkt, dann soll dieses Käppchen das Kind „behüten” und ein Zeichen sein für das Erwachen. Rot deutet auf einen Neubeginn. Das Morgen-rot kündigt den neuen Tag an.

Die ganze Hoffnung des Geistfunkens ruht auf dem Werden und Wachsen der erwachenden ursprünglichen Seele, die allein Rettung bringen kann.

So beginnt der Weg des Rotkäppchens. Wer diesem Weg folgen möchte, wird mit seinem eigenen inneren Wesen konfrontiert; denn durch das Dunkel führt der Weg zum Licht der Erkenntnis. Um der Erkenntnis willen kam der Mensch in die Welt; mit Hilfe der Erkenntnis muss er den Weg zurück zum Ursprung wieder finden.

Fortsetzung folgt

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