Märchen

Rotkäppchen II

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Das Märchen „Rotkäppchen und der Wolf” gehört zu jenen zahlreichen Volksmärchen, die von den Brüdern Grimm gesammelt und veröffentlicht wurden.

Es handelt sich hier um ein scheinbar einfaches Kindermärchen, das versucht, wie alle echten Märchen, eine in symbolischen Bildern verschlüsselte Wahrheit zu vermitteln.

Schritt für Schritt enthüllt das Märchen seine Botschaft und führt  dabei auf eine Reise ins eigene Wesen des Lesers.

Wer hat sich nicht schon mitunter gefragt: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Das Märchen in Kurzfassung

Ein Kind, das noch ohne Namen war, erhielt einst von seiner Großmutter zur Geburt ein rotes Käppchen geschenkt. Weil es ihm so gut stand, wurde es Rotkäppchen genannt.

Im Auftrage der Mutter soll Rotkäppchen  der kranken Großmutter Kuchen und Wein zur Stärkung bringen.

Die besorgte Mutter ermahnt das Kind, nur ja nicht vom Wege abzuweichen, da im Dickicht des Waldes ein böser Wolf hause.

Rotkäppchen begibt sich auf den Weg zur Großmutter. Im Wald trifft es auf den Wolf. Er verführt das Kind dazu, Blumen zu pflücken, um der Großmutter eine Freude zu machen. Arglos folgt Rotkäppchen diesem Rat. Dabei vergisst es, wozu es sich auf den Weg gemacht hat.

Der Wolf geht indessen zur Großmutter und verschlingt sie. Er zieht ihre Kleider an, legt sich in ihr Bett und wartet auf Rotkäppchen, das noch mit Blumenpflücken beschäftigt ist.

Endlich besinnt sich das Kind und findet den Weg zum Haus der Großmutter.

Rotkäppchen betritt das Häuschen und glaubt, die Großmutter im Bett  zu erblicken. Es wundert sich aber über deren seltsames Aussehen. Es lässt sich von der Verkleidung des Wolfes täuschen.

Erstaunt fragt es, warum sie so große Ohren, so große Augen, so große Hände und einen so riesigen Mund habe.

Der Wolf antwortet jeweils: damit ich dich besser hören, besser sehen, besser packen und besser fressen kann. Damit packt er das überraschte Rotkäppchen und verschlingt es. Befriedigt schläft er ein.

Ein Jäger geht am Häuschen der Großmutter vorbei und hört verdächtig lautes Schnarchen. Er geht hinein und erkennt, was geschehen ist.

Mit einem scharfen Messer schneidet er dem Wolf den Bauch auf. Die Großmutter und das Rotkäppchen entsteigen dem dunklen Gefängnis unversehrt.

Der Bauch des schlafenden Wolfes wird nun mit Steinen gefüllt und zugenäht. Als dieser erwacht, ist er durstig und will am Brunnen trinken. Aber die Last der Steine in seinem Bauch zieht ihn in die Tiefe. Der Wolf ertrinkt. Die Großmutter und das Rotkäppchen freuen sich über ihre Befreiung.

Nur fünf „Personen” bestimmen die Handlung: die Großmutter, das Rotkäppchen, die Mutter, der Wolf und der Jäger. Diese Akteure sind als Prinzipien zu verstehen, als Kräfte, Charaktereigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen, die jeder Mensch- mehr oder weniger bewusst- in sich trägt.

Sie werden in der nachfolgenden Interpretation des Märchens näher beleuchtet unter dem Aspekt: … und was hat das alles mit mir zu tun?

Interpretation

  1. Die Mutter und das Rotkäppchen

Im Auftrage der Mutter soll Rotkäppchen der kranken Großmutter im einsamen Waldhäuschen Kuchen und Wein zur Stärkung bringen.

Die besorgte Mutter ermahnt das Kind, nur ja nicht vom Wege abzuweichen, da im Dickicht des Waldes ein böser Wolf hause.

Eine Mutter schickt ihr kleines Mädchen ganz allein auf den gefährlichen Weg zur Großmutter, wohl wissend, dass ihm der böse Wolf begegnen könnte. Welche Mutter bringt das übers Herz?

Diese „Mutter” ist als ein weiterer Aspekt in uns zu verstehen, als die sterbliche Naturseele, die Psyche, die in dieser Welt herangereift ist. Aus ihr wird das „Kind” geboren, die junge neue Seele. Die Mutter erkennt intuitiv die Existenz der erwachenden neuen Seele. Sie will das „Kind” beschützen, indem sie es warnt, nicht vom Wege abzuweichen. Es ist eine Mahnung an die junge Seele: bleibe auf dem rechten Wege, lass dich nicht verführen, halte dein Herz rein von bösen Gedanken und Gefühlen.

Die „Mutter” weiß um die Gefahr durch den Wolf, aber sie besitzt ein Urvertrauen in die Kraft ihres „Kindes”, das nun in die Welt geschickt wird, um sich zu bewähren.

Wer nach dem wahren Sinn seines Lebens sucht, der empfängt Stärkung aus der unirdischen Kraft der göttlichen Führung. Sie hilft dem Sucher, die ganze Energie seiner Naturseele dem neuen Seelenwesen zu schenken, damit es zunehme an Kraft und Stärke. Dabei opfert sich die Naturseele für die junge Seele.

Dies ist die erlösende „Selbstaufopferung” im geistigen Sinne und nicht –wie so oft missverstanden –  eine Aufopferung der irdischen Seelenkräfte für weltliche Ziele, so edel sie auch sein mögen; sie haben keine erlösende Kraft.

So steht die neue Seele am Beginn ihres Auftrages: dem latenten Geistfunken die notwendige geistige Stärkung zu bringen, damit er wieder zum wahren Leben erwache. Nur das „Kind”, die wahre Seele, die die den göttlichen Ursprung sucht, kann Heilung bringen.

„Kuchen und Wein” dürfen verstanden werden als „Brot und Wein”, die an das Abendmahl erinnern und soviel bedeuten wie geistige Erkenntnis und geistige Wahrheit.

Die Erkenntnis der Wahrheit wird als geistige Nahrung für den leidenden Geistfunken im mikrokosmischen Herzen gebraucht.

Mit Kuchen und Wein ist Rotkäppchen nun auf dem Wege zur Großmutter. Weithin sichtbar leuchtet das rote Käppchen wie ein Signal: die Seele kommt, sie beginnt mit ihrer Arbeit.

Fortsetzung folgt

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