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Die vielen Gesichter eines jeden

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In Rainer Maria Rilkes „Malte Laurids Brigge” heißt es:
 
„… Es war mir niemals zum Bewusstsein gekommen, wie viele Gesichter es gibt. Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in Falten. Das sind sparsame, einfache Leute. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann das Gegenteil beweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den anderen? Sie heben sie auf, ihre Kinder sollen sie tragen. (…) Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf, eins nach dem anderen, und tragen sie ab. Es scheint ihnen zuerst, sie hätten sie für immer, aber sie sind kaum vierzig; da ist schon das letzte. Das hat natürlich seine Tragik. Sie sind nicht gewohnt, Gesichter zu schonen, ihr letztes ist in acht Tagen durch, hat Löcher, ist an vielen Stellen dünn wie Papier, und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus, das Nichtgesicht, und sie gehen damit um.”
 
Jeder von uns trägt viele Gesichter in sich; vom elterlichen Erbe her und aus seiner ganzen karmischen Vergangenheit. Jedes dieser Gesichter, dieser „Iche”, hat sein ihm entsprechendes Aussehen.
Sie wechseln oft unbemerkt und manchmal sekundenschnell. Aber sie werden auch bewusst eingesetzt aus Taktik, der Anpassung wegen oder als Schutz. So werden wir gewissermaßen mit all den Gesichtern bereits geboren.
 
Doch wer sind wir wirklich? Gibt es etwas in uns, das authentisch, unverwechselbar, einmalig ist?
 
Ich meine, die Rosenkreuzer und Gnostiker treffen den Kern, wenn sie sagen: Das Wesentliche unseres Menschseins ist der göttliche Funke in uns. Er enthält die eine wunderbare Botschaft: „Mensch, werde wesentlich!” denn das tiefste Wesen in uns besteht nicht aus Gesichtern, aus verschiedenen „Ichen” dieser Welt. Es ist geistigen Ursprungs und gehört zum Lebensfeld des Geistes und des Lichtes, der Wahrheit, Weisheit und der Liebe.
Wer sich diesem innersten Wesen, diesem göttlichen Kern anvertraut, geht einen Weg, auf dem sich alle seine „Iche”, seine Gesichter auflösen in dem einen strahlenden Licht.
 
Shakespeare formuliert in Bezug auf die vielen Gesichter: „Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild; ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht sein Ständchen auf der Bühn’ und dann nicht mehr vernommen wird.” (Macbeth)
 
Abb.: Schleier von Manoppello
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