Gnosis

Richard Wilhelm – der Übersetzer alter chinesischer Weisheitslehren

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Im Jahre 1899 brach ein junger protestantischer Missionar nach China auf, um dort seine Missionsarbeit zu beginnen. Wenige Jahre zuvor hatte er ein besonderes Erlebnis, das ihm eine innere Erleuchtung schenkte und ihm den Sinn seines Lebens eröffnete.

Mit einem tiefen Glauben an seinen Auftrag begann er seine Arbeit in der deutschen Kolonie und der Stadt Qindao. Auf den Rat seines Vorgesetzten hin bemühte er sich sogleich eingehend um die chinesische Sprache und ihre Schrift und drang tief ein in die alte chinesische Kultur. Dadurch lernte er die Seele der einfachen Chinesen kennen und lieben. Er hatte kein Interesse, sie zu bekehren, sondern gründete Schulen und soziale Einrichtungen. Durch sein Vorbild als wahrer Christenmensch erwarb er sich Zuneigung, Respekt und Anerkennung.

Bald kam die Zeit, da historische Umbrüche in ganz China eine neue Epoche einleiteten. Jetzt erhielt er von traditionellen chinesischen Gelehrten den Auftrag, die alten heiligen Schriften ins Deutsche zu übersetzen, damit sie nicht verloren gingen und auch dem Westen zugänglich wären. In jahrelanger mühevoller Arbeit übersetzte Richard Wilhelm zusammen mit einem alten Lehrer namens Lao Nei zunächst das I-Ging, das Buch der Wandlungen, dessen Ursprung auf das Jahr 1200 v. Chr. zurück geht. Später folgten das Tao Te King und die Lehren des Konfuzius.

In diesen Schriften der chinesischen Weisheit erkannte Wilhelm das Universelle aller Heiligen Bücher. Er war tief berührt von der zeitlosen Wahrheit dieser Werke und fest davon überzeugt, dass sie dem Westen zugänglich gemacht werden mussten. Außerdem glaubte er an einen Neubeginn in der Menschheitsgeschichte, da die Wandlungsprozesse unübersehbar waren. Von 1922 – 1924 war er Professor für deutsche Literatur an der Universität in Peking.

Aus familiären und wirtschaftlichen Gründen kehrte er 1924 schweren Herzens wieder nach Deutschland zurück. Dort traf er mit Persönlichkeiten wie Hermann Hesse und Graf Keyserlingk zusammen, um die Arbeit an der neuen Zeit zu unterstützen. Er hatte in Frankfurt eine Professur inne und hielt Vorträge zum tieferen Verständnis der alten chinesischen Weisheiten.

Mit C. G. Jung kam es zu einer engeren Zusammenarbeit. Der Psychoanalytiker Jung erkannte in Wilhelm einen Seelenverwandten, der ihm zu einer inneren Erleuchtung verhalf. Eine tiefe Freundschaft verband die beiden. Als Wilhelm seine letzten Tage im Tropenkrankenhaus in Bad Boll verbrachte, besuchte ihn Jung und nahm Abschied von ihm.

Am 1.3.1930 verstarb Richard Wilhelm sechsundfünfzigjährig. Sein Grabstein in Bad Boll zeigt eine Symbolik aus dem I-Ging, die sogenannten acht Trigramme. Es sind die wesentlichsten kosmischen Symbole als Grundlage einer Ordnung, die in ständigem Wandel begriffen ist.

So trug Wilhelm dazu bei, den Kreis der universellen Weisheit erneut zu schließen, einer Weisheit, die den Osten mit dem Westen verbindet.

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