Freiheit

Gedanken im Winter

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Draußen ist es winterlich kalt geworden. Raureif liegt auf den Dächern. Es ist Sonntag und ruhiger als an anderen Tagen. Mein Blick schweift zum Fenster. Plötzlich sehe ich einen großen Vogel, wie er gerade auf der Spitze einer hohen Tanne landet.

Nach Gefieder und Größe zu urteilen, könnte es ein Storch sein. Aber um diese Zeit? Die Störche fliegen doch beizeiten in den Süden. Sollte er sich jetzt ganz allein und als Nachzügler auf die Reise begeben haben? Ich vermag es aus der Entfernung zunächst nicht genau zu sagen.

Aber bei näherem Hinsehen erkenne ich einen Graureiher.

Ich kann meinen Blick nicht von ihm wenden. Er sitzt dort oben ganz ruhig, als wolle er die Schwingung um seinen Stützpunkt herum wahrnehmen.

Womit auch immer ich mich gerade beschäftig habe, ich lasse es liegen. Meine Aufmerksamkeit gilt jetzt noch nur ihm.

Seine Pose beschäftigt mich: Von einem hohen Gipfel, von einer höheren Ebene aus, alles ganz ruhig betrachten und auf sich wirken lassen!

Können wir das auch?

Nehmen wir uns von Zeit zu Zeit diese Minuten der Besinnung in einem Meer von Beschäftigung, Verpflichtung und Ablenkung? Wenn wir es tun würden, was würde uns unser Inneres gerade dann sagen wollen?

Haben wir noch die Orientierung in unserem Leben, trotz der vielen unterschiedlichen Ziele und Interessen?

Nehmen wir uns überhaupt die Ruhe, hierüber nachzudenken, und können wir eine Beschaulichkeit wie dieser Graureiher oben auf der Tanne dafür aufbringen?

Dann dreht sich der große Vogel südwärts und fliegt fort. Ich beobachte seinen Flug bis er, einen großen Kreis ziehend, irgendwo in der Ferne vor meinen Augen verschwindet. Er hat vielleicht schon sein Ziel gefunden oder ist auf dem Weg dazu.

Sind wir es auch? Wissen wir, so wir stehen?  Wohin wir wollen? Was ist uns in diesem Leben schon bewusst geworden? Mit welchen Entscheidungen in unserem Leben sind wir in Einklang, und wo fehlt dieser innere Einklang noch?

Haben wir unser Lebensziel bereits gefunden?

Da! Noch einmal zieht der große Vogel seine Kreise. Und ich frage mich: Wenn auch wir solche Kreise zu unserem tiefsten Inneren ziehen würden, könnten wir sie dann vernehmen, die Stimme des stillen Sprechers in uns, der uns den Weg weisen will?

Ich spüre, es ist alles in uns angelegt und wartet nur darauf, offenbar zu werden.

Foto: Hermann Achenbach

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