Mythologie

Die zwölf Heiligen Nächte

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Die zwölf Heiligen Nächte, auch Rauhnächte genannt, haben eine ganz besondere, eine tiefe Bedeutung, die altes Weisheitsgut durchscheinen lässt.

In dieser geheimnisvollen und besonders dunklen Zeit sind wir offener als in all den anderen Zeiten des Jahres. Wir sind empfindsam, sensibel, auch krankheitsanfälliger – nicht umsonst sagten die Kelten, man solle während der Rauhnächte nicht übermäßig viel essen. Wir sind trauriger oder glücklicher in diesen Tagen. Es gibt mehr Streit oder mehr Harmonie, aber auch Bedarf nach Klärung.

Es zittert ein geheimnisvoller Zauber in der Luft, es ist, wie wenn für ungewisse Zeit der Schleier zwischen den Zeiten, zwischen den Orten, zwischen unserem Ort und dem Ort des Lichtes, angehoben wird. Es können Sekunden sein, in denen wir Erfahrungen machen, die wie eine Ewigkeit dauern. Wir verspüren eine Helle in unserem Herzen, ein unerklärliches Empfinden, wie Liebe, wie Wärme, oder auch wie Licht.

Es ist draußen ganz klirrend kalt sein, wir gehen spazieren, wir sehen die Natur mit Rauhreif überzogen oder im Schneegeglitzer und den funkelnden Sternenhimmel über uns und sind innerlich im Frieden, im „Frieden von Bethlehem”.

Der Christus-Geist senkt sich in dieser Zeit auf die Erde herab, taucht bis tief in die Erde und verbreitet sich in der gesamten Erdatmosphäre. Viele Menschen spüren etwas von diesem Christus-Licht und sind mit Dankbarkeit und Glück erfüllt. Sie haben das Bedürfnis, einander zu helfen, zu beschenken.

Ein hermetisches Gesetz besagt: „Wie oben, so unten”. Nicht nur in der Erde ist der Christus-Geist. In jedem Menschen – und jeder Mensch ist ein Mikro-Kosmos – finden wir ihn als verborgenen, unentfalteten Geist, auch genannt „Same Jesu”, „Rosenknospe”, „Juwel in der Lotusblume”.

In den zwölf Heiligen Nächten werden die Menschen von der Christus-Liebe berührt und ihr innerster Kern fängt zu schwingen an. Es ist, wie wenn die Christ-Rose in uns sich ein kleines bisschen entfalten möchte. Sie sehnt sich danach, sich mit dem Christus-Geist in der Erde zu vereinigen. Dieses Sehnen äußert sich bei den Menschen in ihrer großen Bereitschaft, schenken zu wollen, für die Mitmenschen da sein zu wollen, Licht geben zu wollen. Das Kerzen-Anzünden ist ein Symbol dazu.

Heute überlagern große Festessen, zum Tage erhellte Weihnachtsbeleuchtung, übermäßiger Geschenke-Rausch – einer möchte den anderen übertreffen – den heiligen Zauber von einst.

Können die Kinder der heutigen Zeit noch diese Freude in ihren Herzen haben wie wir früher? Die Kinder sind – denke ich – noch näher am Weihnachts-Geschehen dran als wir Erwachsene. Sie sind unverdorbener, reiner und haben eventuell noch eher die Fähigkeit, die wahre Weihnacht hinter Weihnachten zu spüren. Sie sind noch unverbrauchter auf diesem Planeten und offener für das Ursprüngliche. Vielleicht leuchtet ihnen in einem alten vergilbten Weihnachtsstern als Tannenbaumanhänger mehr Licht entgegen als in einem neuen Smartphone.

In „Weihnacht” stecken die Wortbegriffe Weihe, Einweihung und Weihrauch.
Die Rauhnächte können auch als Rauchnächte bezeichnet werden. Ein heiliger Rauch, geistige Kraftströme, steigen in den geheimnisvollen Rauhnächten aus dem Erdinneren empor. Es ist wie eine Wiedergeburt. Dieses tiefe Symbol der Rauchnächte ruft den Menschen zu einer geistigen Wiedergeburt auf.

Wir, die wir uns seit unendlichen Zeiten vom Göttlichen entfernt haben, werden durch tiefes Sehnen gedrängt, uns wieder unserer inneren Rosenknospe zuzuwenden, ihr Nahrung, Wasser und Licht zum Gedeihen zu schenken. Unsere ganze Konzentration auf sie zu richten. „Konzentration” bedeutet „mit der Mitte sein”.

Das jährlich sich wiederholende Christ-Fest soll die Menschen immer wieder daran erinnern, ins Innere zu steigen, soll die Empfindung wecken, dass wir in jedem Moment des Lebens, an jedem Tag, nicht nur während der Rauhnächte, uns umwenden können zu Christus, dem Herrn in uns.
Damit die Christ-Rose in uns sich voll entfalten kann zu einer alles umstrahlenden Blume von ungeahnter Herrlichkeit, immer im Göttlichen ruhend, immer schenkend, immer gebend.

Zu Krankheit, Armut, irdischen Freuden und Leiden bekommt der aus Gott Wiedergeborene eine neue Beziehung. Er sieht in ihnen eine Aufgabe, die Aufgabe der Verwandlung, des Entsteigens. Eine neue Freude außerhalb der irdischen durchleuchtet ihn und schenkt ihm Kraft.

Und alle Menschen auf der Welt, jeder zu seiner Zeit, jeder in seinem Tempo, sind dazu aufgerufen, diesem göttlichen Ruf zu folgen.

Das ist der wahre Sinn der zwölf Heiligen Nächte.

Es gibt große und kleine Zyklen, in denen die Menschen zu ihrer persönlichen, aber auch kollektiven Weih-Nacht gerufen werden.

In größeren Zyklen steigen „Helfer”, Menschheitslehrer, wie zum Beispiel Jesus-Christus, auf die Erde hinab, um die Menschen an ihre göttliche Herkunft zu erinnern und als Weisheitslehrer voran zu gehen. Dann ziehen sie sich wieder zurück, damit die Menschheit den Impuls verarbeiten und sich daran entwickeln kann. Auch Bruderschaften bilden sich, arbeiten und ziehen sich wieder zurück.

Im kleinen Zyklus, dem Jahres-Zyklus, ist die Weih-Nacht der Zeitpunkt, an dem die Menschen von Jesus-Christus im feineren Äther gerufen werden. In den restlichen Jahres-Zeiten können sie auf dem bauen, was sie an der Weih-Nacht empfangen haben; die Christus-Äther ziehen sich auch hier wieder zurück.
Sie kommen und gehen im großen Zeitrhythmus wie im kleinen.

Genau genommen sind sie immer da, nur nicht immer manifest.

Der Mensch muss die Christus-Kräfte immer wieder wollen, begehren. Um ihm die Entscheidung zu ermöglichen, ziehen sie sich zurück, um nach einer gewissen Zeit wieder aufzutreten – rhythmisch pulsierend.

Der Mensch ist dazu berufen, dem Christus im eigenen Innern zur Auferstehung zu verhelfen, zu ungeahnter Herrlichkeit, im Göttlichen ruhend, immer schenkend, immer gebend, immer strahlend.

Foto: Christel Achenbach
1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Das ist ein wunderbarer Text, in dem viele Aspekte der heiligen Nächte beleuchtet werden und der Kern des Geschehens sehr bildlich getroffen wird.
    Danke!

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