Persönlichkeiten

Gedanken zum Ostermysterium – aus einem Vortrag von Thorwald Detlefsen

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Der Psychotherapeut Thorwald Detlefsen (1946-2010) setzte sich auch mit religiösen Themen auseinander, weil er der Ansicht war, dass auch die Psychotherapie den Anspruch erhebt, der Seele des Menschen einen Heilsweg zeigen zu können.
 
Religion und Psychotherapie stünden vor der gleichen Aufgabe, die Seele des Menschen zu befreien, zu heilen und zum Heil zu führen.  Die Sprache der Psychologie stehe dem heutigen Menschen wegen der Verwandtschaft zur Wissenschaft näher als die symbolreiche Sprache der Religion. Aus diesem Grund könne es hilfreich sein, religiöse Inhalte psychologisch zu betrachten, um so die Religion wieder begreifen zu lernen.
 
Wenn sich Thorwald Detlefsen dem Ostermysterium nähert, stellt er zunächst fest:
Hinter der formellen Welt steht die Wirklichkeit, das Nichtsichtbare, Geistige, Unvergängliche. Die Welt der Formen ist polar, das heißt gespalten in Gegensätze. Sie ist endlich, begrenzt, und unterliegt den Gesetzen von Zeit und Raum.
Hinter der Welt der Formen gibt es die Einheit. Sie hat keine Grenzen, unterliegt keiner Veränderung, kennt weder Zeit noch Raum, sie ist ewig.
 
Diese Einheit nennt man Gott oder Tao. Die Polarität des Menschen ist sein Gefängnis, seine Unfreiheit, denn sie zwingt zu Wechsel und daher zu Leid, Alter und Tod.
 
Nun gibt es seit jeher Menschen, denen es gelungen ist, die Fesseln der Polarität zu verlassen und in die Einheit einzugehen. Diesen Schritt aus der Polarität in die Einheit nennt man Befreiung oder Erleuchtung.
Detlefsen zitiert in diesem Zusammenhang Origines (185-254 n. Chr.), der feststellte: So wie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so ist es auch mit der dem Menschen zum Heil verliehenen Schrift.
Origines spricht vom Körper, der Seele und dem Geist des Evangeliums sowie der meisten heiligen Schriften.
Der Text ist der Körper.
 
Die Seele ist der eigentliche psychologische Prozess, der in dem äußeren Bild umschrieben ist. Diese Ebene ist für den Menschen die Wichtigste. Der Geist ist das transzendente Urmuster, die metaphysische Wirklichkeit, der makrokosmische Prozess.
Detlefsen erläutert diese drei Ebenen:
 
Die Ebene des Geistes oder des Makrokosmos ist die Einheit als ewiges Hier und Jetzt. Die Chinesen nannten diese Einheit Tao, die Buddhisten Nirwana, die Christen Gott oder Logos. Diese Einheit ist die Quelle, der Ausgangspunkt für alles, was wir Menschen als Schöpfung erfahren. Schöpfung heißt, dass die Einheit in die Vielheit zerfällt. So ist die Schöpfung weder in Gott noch außerhalb von ihm.Sie ist Täuschung, Schein. Anders ausgedrückt: Die Welt der Form ist für die Einheit der Tod. Die Materie ist der Sarg Gottes, des Geistes. Die Einheit stirbt in der Vielheit. Das Licht geht in die Finsternis, Gott wird Mensch.Befreiung von den Fesseln der Polarität heißt, wieder in die Einheit zurückzukehren.  Das Gleichnis vom verlorenen Sohn erhellt dies:
 
Der verlorene Sohn spaltet sich von der Einheit, vom Vater, von Gott ab und versucht, sich selbstständig zu machen, um dann zu einem bestimmten Zeitpunkt von der äußersten Entzweiung, der Ver-zwei-flung aus den Weg zurück in das Haus des Vaters zu suchen. Zur psychologischen Ebene, der der Seele oder des Mikrokosmos, sagt Detlefsen:
Der Mensch erlebt sich als Ich und findet außerhalb von sich andere Menschen, Tiere, Pflanzen, ein ganzes Universum vor, das er als „Nicht-Ich”, als Außen erlebt. Das Ich ist bildlich gesprochen so etwas wie ein Zaun. Aus einer großen Landschaft steckt es ein Grundstück ab. Aber von dem Zaun, der das Grundstück abgrenzt, wird das Land gar nicht berührt, und auch Sonne, Regen, Würmer negieren diesen Zaun.So gesehen ist der Zaun keine Realität. Er existiert als Idee. Mit dem Ich entsteht Polarität, denn es gibt nun ein Innen und Außen.Außerhalb des Ich liegt das, was einem nicht bewusst ist. Es ist das Unbewusste oder der Schatten.Das Unbewusste ist das weite, unüberschaubare und daher angsteinflößende Meer, in dem das kleine Ich sich wie eine Insel ausmacht. Als Psychologe nennt Detlefsen dieses Meer das All-Bewusstsein, das Selbst. Es ist ewig, grenzenlos, es enthält alles, was ist. Das Selbst ist so gesehen der
Vater des Ich. Das Selbst opfert sich, wenn es das Ich neutralisiert. Damit ist jeder Einweihungsweg und jeder Heilsweg eine Kampfansage an das Ich.
 
Will der Mensch frei werden und den Weg in die Einheit gehen, so muss er das „Ich” als Illusion durchschauen und seine Identifikation mit ihm auflösen. Dieser Weg heißt Selbsterkenntnis, Selbstfindung, Selbstverwirklichung.
Die klassische Aufforderung „Mensch, erkenne dich selbst” ist somit das Schwierigste, was ein Mensch vollbringen kann. Denn Selbsterkenntnis setzt den Tod des Ich voraus. „Löse und binde”, heißt es in den alten Schriften.
Die Einheit, das Selbst, Gott wird dadurch gefunden, dass die Gegensätze der Polarität geeint werden.
Und zur Körperebene, der „historischen” Ebene, führt er aus:
 
Hinter der Gestaltwerdung des Körpers gibt es auch ein archetypisches Grundmuster. Es verdichtet sich in gewissen Zeitabständen zu materiellem Geschehen. Es wird dann auf der Bühne der Welt wie ein Drama aufgeführt. Das Leben und der Tod Jesu sind beispielsweise eine solche dramatische Verdichtung dieses Urthemas. Sie sind eine Ritualisierung der ewigen Wahrheit. Mythos und Geschichte sind hier eins. Der Körper ist das Gefäß für den unsichtbaren Inhalt. Er ist Gefäß für Seele und Geist und als solches Mittler, der uns mit dem Unsichtbaren in Verbindung bringt. Das Historische ist ein Bild für einen Prozess, der sich immer wieder aufs Neue im einzelnen Menschen ereignen kann.
Schon Origines sagte:
 
„Denn was nützt es dir, dass Christus einstens im Fleische kam, wenn er nicht auch in deine Seele kommt.”         
 
Gemälde: Hieronymus Bosch
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