Alchemie

Novalis und der Weg der Vervollkommnung

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Der deutsche Dichter Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) schreibt Richtungweisendes über den Weg der Vervollkommnung, der dem Menschen offen steht.

Er erklärt: „Die Einbildungskraft, der wunderbare Sinn, der uns alle Sinne ersetzen kann – und der so sehr schon in unsrer Willkür steht”, ist in der Lage, „Realität hervorzubringen”. In wahrer Poesie erlebt Novalis das ewig frische Schöpferwort, das den Menschen und die Welt auf eine höhere Stufe der Entwicklung bringt. Wenn die Zeit gekommen ist, löst das treffende Wort den bösen Zauber, der über die Menschheit und die Welt gekommen ist.

Dabei versteht Novalis Poesie in einem sehr weiten Sinn. Jede schöpferische Tätigkeit des Menschen, auch im alltäglichen Leben, kann Poesie sein, sofern sie zu seiner inneren Verwandlung beiträgt.

Er unterscheidet wie Platon zwei Weltbereiche, das Schattenreich der äußeren und das Lichtreich der inneren Welt. „Die innere Welt ist gleichsam mehr mein als die äußre. Sie ist so innig, so heimlich – man möchte ganz in ihr leben […] Schade, dass sie so traumhaft, so ungewiss ist. Muss denn gerade das Beste, das Wahrste so scheinbar – und das Scheinbare so wahr aussehn?”

Entsprechend Platons Höhlengleichnis im siebten Buch der Politeia erlebt Novalis, wie das eigentlich Seiende nur ungewiss und dunkel zu fassen ist, weil das geblendete Auge den Schatten klarer erkennt als das Licht.

Das Widerspiel von dunkler Licht- und klarer Schattenwelt führt zum Verständnis unseres menschlichen Wesens. Das dichterische Wort ist für ihn die „äußre Offenbarung jenes inneren Kraftreichs”.

Die innere Welt ist die Heimat des Menschen. Jedes Abschiednehmen im Äußeren kann der Beginn einer Heimkehr sein. „Wo gehn wir hin? Immer nach Hause.”

Lieben wir einen Menschen, so lieben wir das „wunderbare Bild”, das durch ihn hindurchschimmert. Menschen sind Schattenbilder eines ewigen Urbildes. Sie haben die Möglichkeit, im unzerstörbaren Urbild aufzugehen, das zu einer unbekannten heiligen Welt gehört.

(aus: Novalis, Heinrich von Ofterdingen, Reclam, Stuttgart 1987, S. 239 ff)

„Unser sogenanntes Ich ist nicht unser wahres Ich, sondern nur sein Abglanz.”

„Die höchste Aufgabe der Bildung [der Gewinnung einer neuen inneren Gestalt]

ist es, sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu sein. … Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehn lernen.”

„Der Entschluss zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche Ich, dass es sich besinnen, erwachen und Geist sein solle.”

„Dieses Ich höherer Art verhält sich zum Menschen, wie der Mensch zur Natur oder der Weise zum Kinde.”

(aus: Novalis, Werke in zwei Bänden, Band 2, Köln 1996, S. 162 f., 106)

Geht es nur darum, sich selbst zu vervollkommnen? Was ist mit der Natur? Muss der Mensch sie hinter sich lassen? Keineswegs, denn zu den Aufgaben des Menschen gehört für Novalis, dass er Verantwortung für die Natur übernimmt. Natur- und Menschenwesen gehören zueinander wie Hülle und Kern. Der Mensch ist die „Einheit für die Natur”, der Punkt, an dem alle ihre Strahlen zusammenlaufen, der mikrokosmische Brennspiegel des Weltalls. Er wird, indem er sich vergöttlicht, auch die Natur erlösen. Novalis prägte dafür die Formel vom Menschen als „Messias der Natur”.

(aus: Gerhard Wehr, Novalis. Der Dichter und Denker als Christuszeuge, Schaffhausen, 1976, S. 130)

Gemälde: Franz Gareis, Novalis

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