Kunst

Mystik und Dorothee Sölle oder „Die Religion des dritten Jahrtausends wird mystisch sein, oder absterben.”

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Auf der Suche nach Schriftmaterial von Mechthild von Magdeburg (1207-1287) stieß ich u.a. auf einen Film von Rüdiger Sünner mit dem Titel „Mystik und Widerstand”. Hierin berichtet er anhand von Lebenszeugnissen über die lebenslange Gottsuche Dorothee Sölles. Sie stellte schließlich die Mystik in den Mittelpunkt ihres spirituellen Interesses und im besonderen Leben und Werk von Mechthild von Magdeburg.
 
Die Synthese ihres inneren Forschens ist der Ausspruch „Die Religion des dritten Jahrtausends wird mystisch sein, oder absterben”.
 
Dorothee Sölle (1929 – 2003) studierte Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaften. In einer Dissertation an der philosophischen Fakultät der Uni Köln setzte sie sich mit dem Verhältnis von Theologie und Dichtung auseinander. Nach ihrem Studium arbeitete sie ab 1971 als Privatdozentin für neue deutsche Literaturgeschichte. Ein Lehrstuhl für Theologie wurde ihr in Deutschland wegen ihrer unkonventionellen Auffassungen zu Glaubensfragen verweigert. Sie lehrte aber von 1975 – 1987 in New York am Union Theological Seminary, an dem vor dem 2. Weltkrieg auch Dietrich Bonhoeffer unterrichtet hatte.
 
Dorothee Sölles poetisches Werk entstand zwischen 1969 – 2000. Sie hat versucht, eine neue Sprache auch für das Sprechen mit Gott zu finden. Ihre politische Seite und ihr soziales Engagement veranlassten sie, sich an Friedensdemonstrationen zu beteiligen. Ihr besonderes Interesse galt den Armen, Verfolgten und den durch Kriege Leidenden.
 
Was versteht man unter Mystik? Das Wort stammt ab vom Griechischen mystikós und bedeutet Geheimnis. Und dieses Geheimnis enthält einen verborgenen göttlichen Heilsplan. Das Mittelalter ist für eine mystische Gottsuche bekannt. Mystik stellt sich von jeher als eine persönliche Gotteserfahrung oder auch als eine Suche nach einem Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes dar. Oft sind es spirituelle Erfahrungen von Menschen, die objektiv als wenig zugänglich erscheinen. Zu den bekannten Mystikern des Abendlandes zählen Angelus Silesius und Meister Eckhart. Im Islam zählen die Sufis zu den Mystikern. Sie sagen – und das ist eine wesentliche Übereinstimmung -, dass Gott in jedem Menschen auf irgendeine Weise immanent ist. Viele sprechen vom göttlichen Funken im Menschen. 
Dorethee Sölle legt in ihren Schriften dar, dass Mystik nicht nur weltfremde Innerlichkeit ist, sondern dass sie in einem aktiven Leben gipfeln kann.
 
Im Zusammenhang mit ihrer Beschäftigung mit der mystischen Lebensausrichtung prägt sie den Begriff „Theopoesie”.
Das Wort deutet auf das Reden und Sprechen mit Gott in Bildern hin, es weist auf den Sänger des Ungreifbaren, der vielleicht niemals rational zu verstehen ist. Aber es ist auch eine Lebensäußerung, die uns in jeder Sternennacht, in jeder Liebesbeziehung und in jedem Musikstück von Bach anwehen kann.
 
Es war das mystische Element, das Dorothee Sölle nicht losließ, das Gefühl des Einsseins mit allem, was lebt. Die Versenkung, das Verstummen des Ego, aber auch die Entdeckung des wahren Selbst. Ihrer Auffassung nach kennt die mystische Empfindlichkeit theistische, atheistische und pantheistische Formen. Eine zentrale Erfahrung dabei ist, dass die Abgeschlossenheit des Selbst durchbrochen wird. Sie stellt fest: Wir sind der Transzendenz fähig. Ihr mystisch-ökologisches Bewusstsein versteht sich eingebunden in alles, was existiert. Und alles, was lebt, kann nur in der Koexistenz der Beziehung leben und überleben. Diese Art der Koexistenz verbindet mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Nüchtern erklärt sie: Mein Glück hat immer mit Ichlosigkeit angefangen.
 
Jetzt schließt sich der Kreis meiner Betrachtung, die mit der Suche nach Schriftmaterial von Mechthild von Magdeburg begann. Eines ihrer Werke hat den Titel „Das fließende Licht der Gottheit”. Eine Art modernes Pendant dazu stellt ein Gedichtband von Dorothee Sölle mit dem Titel  „Verrückt nach Licht” dar, der nicht nur Theopoesie enthält, sondern auch eine Art moderne Lyrik.  
 
Ich fand es erstaunlich, dass ein Mensch im 20. Jahrhundert, eine führende Theologin protestantischer Prägung, eine Lanze für die Mystik gebrochen hat. Mystik ermöglicht es uns, eine enge Bindung mit der göttlichen Kraft einzugehen und daraus zu leben.
 
Abb.: Mechthild von Magdeburg (1207-1287) Quelle: Wikipedia
1 Kommentar
  • KatharinaBeantworten

    Ihr Beitrag ist toll! Dankeschön für diese erhellenen Gedanken. Ich verstehe, was Sie an den Ideen bemerkeswert finden. Ich finde es selbstverständlich, im Verborgenen, so zu denken. Heute können "wir" leichter Lanzen brechen, alles über den Haufen werfen. Wir dürfen freier sein. Unser Geist darf sich entwickeln und querdenken. So denke ich immer und hatte schon von Kind auf an Probleme damit. Trotzdem habe ich nie aufgehört zu denken, zu fragen, zu forschen. Und auch nicht, "zu glauben". Ich glaubte schon als Kind, dass wir Menschen geboren sind, um uns ständig zu entwickeln, zu lernen, zu suchen - intuitiv. Warum hätten wir sonst die Fähigkeiten es zu tun? Es schadet niemandem und das finde ich überaus wichtig. Ist Mystik dann nicht logischer Bestandteil des menschlichen freien Denkes? Die Quitessenz? Ist die altvordere "Mystik" die heutige Freigeistigkeit?
    Die Gedanken sind frei...

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