Kultur

Michelangelo – Erschaffung des Menschen

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Begegnung des Göttlichen mit dem Menschlichen

In dem Fresko ”Erschaffung des Menschen” beeindruckt mich vor allem der große Ernst, der aus der ganzen Bildsituation spricht.  Es ist wie das Anhalten des Atems: Wird der Bund zwischen Mensch und Gott gelingen?

Und es sind die beiden Hände, die des göttlichen Schöpfers und die des ersten Menschen Adam, die in ihrer Zugeneigtheit meine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Da ist die energievolle Hand des Schöpfers, vergleichbar einem Brückenschlag, einer unaussprechlichen Kraft des Seins, die sich dem, so scheint es, gerade erwachten Adam zuneigt und ihm bewusst zugewandt ist.

Wie eine stille, ernste Aufforderung, er möge den Bund eingehen.

Der letzte große Schöpfungsimpuls steht vor seiner Vollendung.

Wie wir in dem Fresko sehen können, ist es Adam bereits gelungen, dem Schöpfer seinen Arm entgegenzustrecken, die Tatkraft zeigt schon Bereitschaft. Nach seinen Möglichkeiten ist der werdende, erwachende  Mensch bemüht, sich der göttlichen Kraft zu nähern.Ahnt er bereits seinen großen Auftrag und seine wahre Berufung?

Adams Hand neigt sich der des Schöpfers ebenfalls zu, vermag aber den Zeigefinger nicht ganz auszustrecken. So kann Adam den Brückenschlag zum göttlichen Erkennen und Wollen noch nicht ganz zu vollführen. Ist er zu schwach in seiner in der Stofflichkeit eingehüllten Wesenheit? Fehlt es ihm noch an einer besonderen Kraft des Bewusstseins,  um sich mit der göttlichen Kraft zu verbinden? Verharrt er noch in einem gewissen geistigen Dämmerzustand? Wagt er sich der übergroßen Kraft nicht auszuliefern?

Die ausgestreckte göttliche Hand des Schöpfers ist dem Menschen energievoll zu geneigt, jedoch  ohne zu zwingen. Sie möchte dem Menschen Kraft schenken und ihm seine Berufung bewusst machen. Aber Sie wartet darauf, dass der Mensch, Adam, sich ihr in Freiheit zuwendet und den Bund von seiner Seite aus bekräftigt.

Voraussetzung ist, dass Adam sich seiner eigenen himmlischen Berufung bewusst wird, um den geistig seelischen Impuls von der göttlichen Kraft zu empfangen und ihm zu antworten.

Und dieser Adam lebt bis heute in uns.  Der göttliche Impuls wartet auf jeden von uns seit Adams Zeiten. Er wartet in unendlicher Geduld und Liebe darauf, von innen heraus beantwortet zu werden.Vermögen wir es, diesem Impuls voll und ganz zu folgen?

Die feinstoffliche Brücke zum Göttlichen ist für jeden Menschen vorhanden. Das im Herzen des Menschen befindliche letzte Überbleibsel des Göttlichen vermag den Bogen zu spannen. Den Bogen zum lebendigen Licht, wie es Hildegard von Bingen sagte.

Was hindert uns daran den Bogen dieser Verheißung  aufzugreifen, diese Verbindung heute einzugehen?

Denn grenzt es nicht an ein Wunder, dass der Mensch in seiner Vielfalt, der seit den Tagen Adams durch einen halbbewussten Zeugungsaktes ins Leben tritt,  einer Bewusstheit entgegenwachsen kann, sich von irdischen Ketten befreien kann, um des Schöpfers Ruf zu folgen und zu erkennen, dass er selbst ein Mikrokosmos, eine kleine Welt, ist?

Des Schöpfers Ruf, der auch in uns immer erklingt und uns seine Kraft schenken möchte und uns mit dem größten Reichtum des Seins  verbinden möchte.

Sind wir bereit diesem Werden  bewusst entgegen zu gehen?

Die ganze Schöpfung wartet noch heute auf diese Tat, die in jedem Augenblick für jeden Menschen möglich ist.

So frage ich mich, wohin fließt unsere Lebensenergie?

Bleibt noch etwas für die Verbindung mit der wahren Schöpfungskraft, die sich kennzeichnet durch einen Ätheraustausch, nicht von dieser Welt? Der uns aber zu der ureigenen Aufgabe und Berufung führen kann, nämlich in dieser Zeit den transzendenten Seelenmenschen entstehen zu lassen, der aus der ursprünglichen Seelennahrung einer ungeschändeten Schöpfung lebt.

Oder geht es uns so, wie den Pflanzen, die Duft und Frucht hervorbringen wollen und an deren Grund sich Wild- oder Unkraut setzt, um von ihrer Kraft zu partizipieren und sie auf diese Weise zu schwächen oder ganz zu erdrücken?

Wessen Kraft so verströmt, ist in Gefahr sich selbst zu vergessen, sein wahres Selbst, den inneren Menschen, das höchste Gut, zu verraten.

Nutzen wir die Gunst der Stunde und besinnen wir uns auf die unaussprechlichen Möglichkeiten des Seins in uns, so wie es uns Michelangelo in seinem Fresko deutlich zu machen versuchte.

Foto: Christel Maria Achenbach

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