Aufrüttelnde Texte

Unglaublich aber wahr! – zu Meister Eckhart

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Um 1260 wird Eckhart in der Nähe von Gotha geboren. Er stirbt etwa 1328. Der Papst (damals in Avignon) verurteilt ihn als Ketzer und verwirft eine Reihe seiner Aussagen als häretisch. Ihm wird vorgeworfen, hauptsächlich das einfache Volk mit Irrlehren fehlzuleiten. Starb er in Avignon oder auf dem langen Rückweg nach Hause oder in Köln? Das Ende ist unbekannt. Kein Grabstein weist auf seine letzte Ruhestätte hin.

Zwischen Geburt und Tod entwickelt sich Eckhart zu einem der größten Mystiker aller Zeiten mit einer unglaublichen Strahlkraft und heute nach wie vor aktuellen Substanz.

700 Jahre Kulturunterschied liegen zwischen dem Spätmittelalter und dem 21. Jahrhundert. Humanismus und Renaissance entdeckten die Qualitäten des griechischen und römischen Altertums wieder. Griechische Kultur und biblische Themen werden in neuem Kleid sichtbar. Denken, Philosophie und bildende Kunst nehmen einen großartigen Aufschwung und spiegeln Ethik und Glanz vergangener Zeiten. Aufbruch und Evolution zu neuen noch nie gesehenen Kunstwerken und einem Denken, das alles Dagewesene weit übertrifft, nimmt seinen Lauf. Meister Eckhart kennt die Schriften der alten Griechen und Römer. Er geht über die Kulturimpulse und auch über das philosophisch sowie theologisch „Unangreifbare” seiner Zeit weit hinaus. Er lässt vor allem persönliche Erfahrung zu und gesteht sie jedem Mitmenschen zu. Der Mensch muss seine eigenen Schlüsse ziehen und die Dinge selbst erfahren.

Dem mittelalterlichen Denken entgegengesetzte Weltanschauungen entstanden in der Renaissancezeit: individualistisch und weltfreudig. Nur einige große Namen seien stellvertretend für eine Vielzahl außergewöhnlicher kulturstiftender und die Entwicklung revolutionierender Persönlichkeiten genannt: Francesco Petrarca, Dante Alighieri, Johann Gutenberg, Niccolò Machiavelli, Marsilio Ficino, Pico della Mirandola und die Künstler Albrecht Dürer, Michelangelo Buonarroti, Leonardo da Vinci und Raffael. Frühkapitalismus (Fugger), Kolonialismus und Luthers Reformation kennzeichnen den Weg zur europäischen Aufklärung, der Säkularisierung, der wissenschaftlichen Revolution und der Industrialisierung bis hin zur modernen Zeit. Kriege über Kriege, zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert, Pest und Tod, brutale Bekämpfung Andersdenkender, Inquisition und Fremdenhass und eine Reihe von Holocausts sind die unsäglichen markanten Zeichen menschlichen Handelns. Folter, Menschenverachtung und Vertreibung stechen hervor im zwischenmenschlichen Leben.

Fortschrittsetappen der Humanität in diesen 700 Jahren seit Meister Eckhart lesen sich nicht leicht. Das 13. und 14. Jahrhundert war intensiv geprägt durch Vertreibung und Vernichtung Andersgläubiger, insbesondere der jüdischen europäischen Bevölkerung.

Die Kulturdifferenz ist kaum in der vollen Dramatik nachzuempfinden, aber die seelischen Bedürfnisse der Menschen waren sicher nicht so sehr abweichend von den heutigen. Die Emotions- und Bedürfnislage mag sich gewandelt haben, aber im Grunde dürften Achtsamkeit,  Akzeptanz, friedliches Zusammenleben, Zuneigung und Verständnis ähnliche wichtige Wünsche und Anforderungen an das Leben gewesen sein wie heute.

Meister Eckhart war ein Mensch, der diesen Bedarf der Menschen kannte und ihn befriedigen konnte. Wenn Bedürfnisse achtsam befriedigt werden und der Mensch Trost erfährt, hat dies gestern wie heute vergleichbare Wirkungen. Anerkennung und Akzeptanz verursachen positive verstärkende Impulse im Wesen der Menschen. Erinnerung und Dankbarkeit werden langfristig den Menschen beeinflussen.

Die Botschaft Meister Eckharts ist atemberaubend und in ihrer Tiefe nicht auslotbar. Es geht um eine Christusnachfolge, in der der Mensch sein wahres Selbst, sein eigentliches Ich findet. Lange vor Luther proklamierte Eckhart die „Freiheit des Christenmenschen”. Der Mensch kann die Wahrheit in sich selbst finden. Es geht um spirituelles Erkennen, Teilhabe an ewiger Weisheit. Sie kann auf einem Stufenweg erlangt werden, auf dem der Mensch seiner geistigen Unmündigkeit entwächst, aber auch in einem schlagartigen Durchbrechen in eine andere Qualität des Seins, in das Sein selbst.

Ein Kontemplations-Wochenende mit Texten Meister Eckharts, gestaltet von namhaften Angehörigen der Evangelischen Kirche, der Katholischen Kirche, des Buddhismus und des Rosenkreuzes – wann gab es das jemals zuvor? Der Geist Meister Eckharts hat unserer Zeit etwas zu sagen, grenzüberschreitend, als Aufbruch zu Neuem.
(s. bei den Veranstaltungen der Stiftung Rosenkreuz)
 
Abb.: zeitgen. Holzstich
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