Poesie Lyrik

Wenn sie ihn festhält

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Wenn sie ihn festhält

und ihre Lebensströme bremst,

kann er kein Spiegel mehr für sie sein.

Ihre eigenen Unvollkommenheiten sieht sie nicht mehr,

weil es keinen Schmerz mehr gibt,

der sie ihr enthüllt.

Sie erkennt sich nicht mehr selber.

Ihr Lebensfluss ist ins Stocken geraten.

Wenn sie ihn festhält,

spürt sie die Liebe nicht mehr zu ihm.

Er ist ihr zu nah,

– ihre Beziehung ist erstarrt –

und sie kann ihn nicht mehr

in seiner vollendeten Schönheit erblicken.

Geblieben ist ein Idol, ein Bild, eine Vor-Stelllung,

ja, sogar eine Erwartungshaltung an ihn.

Sie sieht nur noch den Stamm des Baumes,

nur noch seine Rinde.

Sie nimmt nicht mehr die vollen Ausmaße

des ganzen wunderbaren Baumes

von der Wurzel bis hin zur Krone wahr.

Sie wollen frei sein,

wie zwei nebeneinander schwingende

dem Lebenssturm sich beugende Bäume,

die voneinander lernen,

die miteinander sprechen,

die sich gegenüber stehen

und sich gegenseitig spiegelnd

in die strahlenden Augen blicken.

Sie dachte, sie wären frei –

vermeintliche Sicherheit, Gewohnheit,

nicht Wahrnehmen des unlebendig Gewordenen

engten sie ein.

O, Schicksal, o Schmerz,

du gibst ihr erneut die Chance,

zu lernen, zu leben, zu lieben.

Sich-lossagen, Loslassen.

Und Neu-Wiederfindung

der lebenssprühenden, wahren Nähe zu ihm,

der fern ist.

Foto: Christel Achenbach
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