Gnosis

Nur nicht erwachen Teil 4 (Abschluss)

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Die Zustände auf dem Weg des Erwachens werden von immer neuen abgelöst. Sie lassen sich nicht in Worte fassen. „Etwas” im Innern wird lebendig, das über das normale Leben hinausreicht. Es gehört zu uns. Es zeigt unser Dasein in größerem Bezugsrahmen.

Der Koran schildert das an einem Beispiel: „Dann fanden sie einen Unserer Diener, dem Wir unsere Barmherzigkeit verliehen und den Wir Unser Wissen gelehrt hatten. Moses sagte zu ihm: ‚Darf ich dir folgen, auf dass du mich über das rechte Handeln belehrest, wie du gelehrt worden bist?’ Er sagte: ‚Du vermagst nimmer bei mir in Geduld auszuharren. Und wie könntest du bei Dingen geduldig sein, von denen dir keine Kunde gegeben worden ist?” (Sura 18: 65-68)

Und in der Tat: Moses verliert die Geduld. Er findet die Taten des „Dieners des Höchsten” nicht akzeptabel. Dieser schlägt ein Loch in ein Schiff, das armen Leuten gehört, er erschlägt einen Jüngling, er richtet die baufällige Mauer einer Stadt auf, in der ihnen die Gastfreundschaft verweigert wurde. Der Koran erläutert, dass all dies nur verständlich ist, wenn man die Gegenwart von der Zukunft her sieht, wenn man künftiges Geschehen voraussehen kann. Dann plötzlich werden die Taten „vernünftig”.

Der größere Bezugsrahmen des Lebens wird von Jakob Böhme (1575-1624) beschrieben. „Vor den Zeiten der Welt ist das Modell des Menschen (…) als eine Form in Göttlicher Weisheit erkannt worden.” Als Folge davon entstand Adam als „ein Mensch und ein Bilde Gottes, ein ganz Gleichnis nach Gott.” „Das Licht schien in ihm.”

Der ursprüngliche Mensch ist Bewohner dreier Welten: der Welt des göttlichen Feuers, der Welt des göttlichen Lichtes und der äußeren Welt. Im Zentrum steht für ihn „die ewige Licht-Welt, welche die ewige Freude gebieret und das göttliche Wohnhaus ist”.

Der Mensch war allumfassend. Er war „aus der Geburt aller Wesen geschaffen”. Deshalb besaß er die „große Seele”, die alle Eigenschaften, alle Qualitäten der Gottheit beinhaltet. Nach seinem inneren geistigen Wesen lebte er in der Ewigkeit, nach seinem äußeren Bild in der Zeit. Er „ward (…) nach Zeit und Ewigkeit geschaffen. Aber in ein ewig, unsterblich Leben, welches ohne Feindschaft und Widerwärtigkeit war”. Alle seine Eigenschaften, alle seine Qualitäten wirkten harmonisch ineinander. Sie standen miteinander in „Konkordanz”, einer „Gleichwertigkeit”, keine tat sich gegenüber den anderen hervor.

Dann kam ein Impuls. Er beruhte darauf, dass der Mensch etwas von dem gewaltigen Potenzial seiner Eigenschaften spürte. Böhme spricht vom Einwirken Luzifers. Er erweckte im Menschen die Vorstellung, wie es wäre, wenn er seine Eigenschaften vollständig entfaltete. Er wäre wie Gott. Dieser Impuls „erregte Lust, dass sich die Eigenschaften (…) im Menschen erhuben und aus der gleichen Konkordanz, aus der Gleichheit ausgingen und eine die andere überwog, da wurden die Eigenschaften eine jede in sich selber offenbar und lüsterte eine jede nach ihrer Gleichheit (…). Eine jede wollte aus dem Limbo (Urstoff) der Erden essen nach ihrem Hunger.” „Also ließ ihm Gott den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen nach den aufgewachten Eigenschaften Adams wachsen.” „So musste der Mensch geprüft werden, (…) ob die Seele wollte in der gleichen Konkordanz der Eigenschaften bleiben stehen in wahrer Gelassenheit unter Gottes Geiste als ein zugerichtetes Werkzeug der Harmonie Gottes, ein Spiel der göttlichen Freudenreich, darauf und in dem Gottes Geist spielen wollte. Das ward allhie versucht mit diesem Baum.”

Der ursprüngliche Mensch „aß” von dem Baum. „Da wachte der Grimm der Natur in jeder Eigenschaft auf.” Die Einheit fiel auseinander. Durch den Entwicklungsimpuls verdichteten sich die Eigenschaften, der ursprüngliche subtile Körper des Menschen verfestigte sich. „Da ward das Fleisch grob und derb als eines andern Tieres und ward die edle Seele damit in der Essenz gefangen, und sahe sich an ihrem Leibe ein Tier worden.” 1

Böhme spricht von den Eigenschaften des ursprünglichen Menschen. Dieser hat seinen Lebensschwerpunkt im Lichtreich. Seine Eigenschaften haben göttliche Qualität.

Die Sufis sprechen von den vielen „Namen” Gottes. Es sind Qualitäten Gottes, die auf die ursprünglichen menschlichen Seelen verteilt sind. Sie wohnen in einer „Zwischenwelt” zwischen unserer Welt und der des göttlichen Geistes. Also auch hier drei Welten. Es gibt Entsprechungen (und auch Abweichungen in der Perspektive) zu Böhmes Schau. Die „Himmel”, von denen oben gesprochen wurde, gehören zu dieser Welt der Seelen.

Das Drängen der göttlichen Qualitäten, sich zu offenbaren, führte in der Sicht Ibn’Arabis und anderer zur Erschaffung unserer Welt. Gott lässt den göttlichen Namen „freie Bahn zur Ausübung ihrer Wirkung”. 2

Für uns geht es ums Erwachen, um das Erwachen des Ganzen in uns, das Erwachen zu uns selbst. Der Schwerpunkt des Bewusstseins rückt dann von der Peripherie in die Mitte. Das Bild des ursprünglichen, unsterblichen Menschen ist noch in uns, gleichgültig, welcher Religion wir angehören. Es gleich einem „feurigen Vakuum”. Dort gilt es „hineinzusterben”.

Goethe spricht dies aus im West-östlichen Divan, seiner Zusammenschau von Orient und Okzident:

Sag es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet,

das Lebendge will ich preisen,

das nach Flammentod sich sehnet.

…..

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

„Mensch” zu werden, dem dient das Erwachen.

Im September 2015 begegneten Rosenkreuzer und Sufis einander in Caux/Schweiz unter dem Motto: Imagination des Herzens – Gelebtes Geheimnis in Sufitum und Rosenkreuz. Der Text zum Erwachen ist das Geleitwort zu dieser Veröffentlichung der Stiftung Rosenkreuz.

1) Aus: Jakob Böhme, Von der neuen Wiedergeburt, hrsgeg. von Gerhard Wehr, Frankfurt am Main und Leipzig 1995. Eine Zusammenstellung von Auszügen aus Böhmes Werk findet sich im Textbuch zu dem Dokumentarfilm Morgenröte im Aufgang. Hommage à Jacob Böhme, 2015, nootheater Berlin / Ronald Steckel

2) William C. Chittick, Bildhafte Welten. Ibn al-’Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, Norderstedt 2015, S. 226

Abb.: aus Film „Die Morgenröte im Aufgang” v. Ronald Stengel u.a.

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