Religion Spiritualität

Die Kabbala und der Tikkun

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In einer hohen geistig-seelischen Welt zersprangen die Strukturen, in denen das göttliche Licht Gestalt annehmen wollte. Die „Scherben”, zahllose Lichtfunken, stürzten in die Tiefe. Sie bilden das geistig-seelische Etwas in allen Geschöpfen, so die Vision Lurias (1534-1572), der der jüdischen Kabbala neue und machtvolle Impulse gab. (vgl. den vorangegangenen Beitrag) Wie ein Samenkorn platzen muss, um zu treiben und Frucht zu bringen – so könnte man in einer positiven Deutung sagen –, mussten die ersten „Gefäße” zerbrechen, damit das göttliche Licht zur Weltensaat werden konnte.

In der jüdischen Tradition wird die Gegenwart Gottes Schechina genannt. Sie befindet sich aufgrund des „Bruchs der Gefäße” im Exil; ist von ihrem Ursprung getrennt. Das „Antlitz Gottes” ist zerbrochen. Dem Menschen ist es aufgegeben, es wieder neu herzustellen. Deshalb heißt es, dass Gott vom Menschen „geheiligt” werden will (3. Mose 22, 32). Der gestaltende Gott will durch den Menschen die letzte Gestalt erhalten. Mystische Erkenntnis liefert einen entscheidenden Schlüssel für die Deutung des Weltgeschehen, für die letzten Ursachen dafür, warum der Mensch nicht zur Ruhe kommt.

Er ist zur Verwandlung gerufen, zum Aufstieg. Der Mensch trägt das Potenzial in sich, über sich hinauszuwachsen. Denn in seinem Innersten ist der göttliche Funke, der seine Heimat sucht. Die zerstreuten Lichtelemente suchen „ihren” Ort. Sie drängen dazu, die Einheit zu verwirklichen, die in ihnen angelegt ist. So rühren sie das menschliche Bewusstsein auf, erzeugen das Gefühl der Fremdlingschaft und das Empfinden oder den Traum, eine heroische Tat vollbringen zu müssen. Lange dauert es, bis deutlich wird, was es damit auf sich hat. Die Schöpfung wird zum dramatischen Lebensprozess. Dieser findet innerhalb der Gottheit statt, er drängt zum Erwachen des Menschen.

Durch Eingebung kann der Mensch seine Aufgabe erkennen. Die geistige Urgestalt, die einst zerbrach, soll wiederhergestellt werden. Da die Seelenfunken im Ursprung eins sind – sie gehörten zu einer Ursprungsgestalt –, trägt jeder Mensch auch etwas vom Innersten aller Menschen in sich. Jede Tat, die er vollbringt, im Positiven wie im Negativen, wirkt sich auf alle Menschen aus. Die Aufforderung: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”, ist unter diesem Aspekt Ausdruck einer nüchternen Erkenntnis. Der Funke in der Tiefe des Einen ist eins mit dem Funken im Innern des Anderen.

Die Stadien des „Aufstiegs” der Seele sind zugleich Stadien des Hinabsteigens zu ihren tiefsten Gründen. Hierbei wird etwas vom Weltprozess nacherlebt. Stets wurde das Dunkle des eigenen Innern nach außen projiziert, auf andere Menschen und Völker. Der Kampf, der eigentlich im Innern nötig ist, wurde im Außen geführt. So vertiefte der Mensch den Weltenbruch.

Die erwachenden Seelen gehen den Weg von den äußeren Erscheinungen zu den geistigen Urbildern. Die Kabbala fordert dazu auf, alles Lebendige aus seiner Verworrenheit zu erheben und mit dem geistigen Ziel des Daseins zu verbinden: der Heilung des Bruchs. Diesen Heilungsprozess nennt Luria Tikkun. In einem dynamischen Geschehen sind Gott und Mensch aufeinander bezogen. Die innige Erhebung des Menschen zu seinem göttlichen Funken und zum universellen Geist trägt dazu bei, die Schöpfung mit ihrem Urquell zu versöhnen. Lehrer der Kabbala vergleichen die menschliche Seele mit einer Knospe, „aus welcher Gott erblühen kann und soll”. Der „Name” Gottes ist eine Potenzialität im Menschen, die der Verwirklichung harrt. Durch freie Tat soll der Mensch „Vollbringer” der Einung werden und damit die Dualität in der Schöpfung aufheben. (Hugo Bergmann) „Aus der Sehnsucht heraus erschafft” er Gott als „die Einheit über der eigenen Zweiheit” (Martin Buber).

Quellen: Lydia Koelle, Paul Celans pneumatisches Judentum (1997), Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1. Auflage 1957)

Foto: Christel Achenbach
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