Religionen

Katastrophe und Vertiefung – Wie sich die Kabbala erneuerte

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Im Jahre 1492 wurden die Juden aus Spanien vertrieben. Es war eine Katastrophe größten Ausmaßes. Die Wirklichkeit des Exils zeigte sich erneut auf bittere Weise. Wo war das beruhigte Leben im Gesetz, das Leben unter dem Schutz Gottes? Gebrochene Existenz, Widersprüche, Abgründe, Ängste erhoben ihre gespenstischen Gesichter. Es dauerte Jahrzehnte, bis das, was da geschehen war, in den tieferen Schichten der Seelen ankam und nach Verarbeitung verlangte.

Die Kabbala vermochte zu leisten, was das Innerste forderte. Das Wort Kabbala bedeutet „Tradition”. Es scheint ein paradoxer Begriff zu sein. Denn es geht um persönliche, intime Erfahrungen, um innere Erkenntnis über die geheimsten und tiefsten Gegenstände des menschlichen Lebens. Man könnte meinen, dass hierbei Ergebnisse zutage kämen, die sich nicht verallgemeinern lassen, da sie ja im Persönlichen wurzeln. Aber so ist es nicht. Je reiner und vollkommener die mystische Erkenntnis eines Menschen wird, desto näher rückt sie dem ursprünglichen Wissen der Menschheit überhaupt. Wahre Intuition und wahre Tradition fallen zusammen, eine beglückende und bedeutsame Erfahrung.

Vor der Vertreibung aus Spanien war die Kabbala eine esoterische Lehre für Wenige. Im Jahrhundert danach wurde sie zu einer populären Bewegung im Judentum. Sie erweckte seine religiöse Tiefe. Es bedurfte des Hinabsteigens (oder Hinaufsteigens) in die essentiellen Bereiche des Religiösen, um die Gebrochenheit der Existenz mit ihren Paradoxien und Spannungen zu durchdringen. Es galt, den Seinsgrund zu finden in einem Leben in der „Verbannung”.

Eine kleine Stadt in Obergaliläa mit dem Namen Safed wurde zum Zentrum der Erneuerung der Kabbala. Große Geister fanden sich dort zusammen. Zur zentralen Figur wurde Isaak Luria (1534-1572). Er entwickelte durch innere Vertiefung und Schau ein mystisches System, das in der jüdischen Geschichte so einflussreich wurde, wie es einstmals das Werk Führer der Verwirrten von Maimonides war. Lurias Denken wirkte weit hinein in die Kultur des Abendlandes, vor allem in die Philosophie.

Er und seine Schüler wanderten auf Wegen der Kontemplation über das Historische hinaus zu jenen Uranfängen der Schöpfung und Offenbarung, aus denen der Weltprozess in seiner Gesetzlichkeit begriffen werden kann. Sie gingen im Geistigen bis zu den letzten Grundlagen unseres Daseins – und erkannten dabei zugleich, was Erlösung ist: Wiedergewinnung und Wiederherstellung eines Zustandes der ursprünglichen Einheit und Reinheit.

Lurias visionärer Blick entdeckte Seelen und Seelenfunken in allem, was ihn umgab; er machte dabei keinen Unterschied zwischen dem organischen und anorganischen Dasein. Er sah die Funken des Lichtes als umschlossen von materiellen Gestalten. Die Struktur seines Denkens weist engste Verwandtschaft mit der Gnosis auf, wohl ohne dass er sich dessen bewusst war.

An der Spitze von Lurias Gedankengang steht die Lehre vom Zimzum. Man kann das Wort mit Zurückziehen, Rückzug, Kontraktion übersetzen. Der vor der Schöpfung allgegenwärtige und unendliche Gott muss sich „von sich selbst in sich selbst” zurückziehen und begrenzen, um zu allererst für die Erschaffung der Welt in seiner eigenen Mitte Platz zu machen. Erst dann ist die Emanation und Erschaffung der Welt möglich. Ohne Zimzum, ohne das vorherige Entstehen-Lassen von Raum, ist keine Schöpfung denkbar.

In diesem Raum, diesem „Nichts” in Gott, begannen nach der ersten Emanation dramatische Geschehnisse, schon auf der hohen geistigen Ebene. Dort zerbrachen die ursprünglichen „Gefäße”, die lebendige Weltenstruktur, die „Urkönige”. Unendlich viele Funken des Lichtes stürzten daraufhin in die Tiefe.

Der „Bruch der Gefäße”, der in der Geistwelt stattfand, ist der entscheidende Vorgang im Weltgeschehen. Alle Dinge, auf allen Ebenen, tragen diesen Bruch in gewisser Weise in sich. Die große Aufgabe besteht in der Restitution, der Wiederherstellung. Nichts ist so, wie es sein soll, nichts ist auf seinem richtigen Platz. In gewisser Weise ist alles im Exil. So die Lehre Lurias.

Der deutsche Dichter Paul Celan (1920-1970) wurde durch den Tod seiner Eltern im Holocaust traumatisiert. Das Exil zeigte sich in einer erneuten Schreckensstufe. Die Kabbala wurde Celan zu einer wesentlichen Hilfe. Mit seinen Gedichten, mit der Magie der Sprache, die er darin entfaltet, will er der Wiederherstellung der zerbrochenen Wirklichkeit dienen. Lyrik wird zu einem mystischen Prozess.

Zum Thema Zimzum, dem Bruch der Gefäße und zur Art, wie die Einheit wieder errungen werden kann, sollen weitere Betrachtungen folgen.

Quellen: Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen (1. Auflage 1957), Christoph Schulte, Zimzum – Gott und Weltursprung (2014)

Abb.: Isaak Luria 1534 - 1572
1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Das ist ein wunderbarer Beitrag, da er über die Gefallenheit dieses Seins hinaus, auf das Heilwerden hinweist und es als Lösung anbietet.
    Gern folge ich weiteren Betrachtungen.

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