Evangelien

Jetzt Bachs Weihnachtsoratorium? – Ja!

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1. Angelus Silesius schrieb in seinem Cherubinischen Wandersmann u. a.:

„Ich muss Maria sein
Und Gott aus mir gebären,
Soll er mir ewiglich
Die Seligkeit gewähren.
 
Wird Christus tausendmal
Zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir,
Du bleibst noch ewiglich verloren.”

Das heißt, Weihnachten, die Geburt des Christus kann jederzeit stattfinden. Sie ist nicht an Jahreszeiten gebunden. Vielleicht ist es sogar besser, sie findet heute und nicht erst morgen statt.

Wie? Was kann ich tun?

2. Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium eines der wundersamsten Werke der musikalischen Welt überhaupt ist gespickt mit großartigen Hinweisen, die ganz persönlich sehr wertvoll und zugleich auch welt- oder menschheitsgeschichtlich relevant sind. In diesem Beitrag soll nur punktuell auf einzelne Inhalte eingegangen werden, die zeitunabhängig sind und es in besonderem Maße Wert sind, bewusst zu werden.

3. Zu Beginn des Weihnachtsoratoriums wird in der Arie der Altstimme „Bereite dich, Zion” das weltgeschichtliche Drama angesprochen.

Zion ist einerseits der Tempelberg in Jerusalem, der Wohnsitz Gottes im Stoff, andererseits verweist der Begriff „Tochter Zion” auf altirakische und sumerische Ursprünge. Die Tochter Zion kann wohl mit der uralten Himmelsgöttin „Inanna” in Zusammenhang gebracht werden, die den ursprünglichen weiblichen / mütterlichen Gottesaspekt (schützend, tragend, nährend) in dieser Welt repräsentiert. Im Prinzip kann Zion als Ausgangspunkt aller uns aus diesem Raum bekannten Religionsentwicklungen interpretiert werden.

Während im Weihnachtsoratorium Zion höchstes Wohl vorhergesagt wird, realisiert der Hörer, dass sich Zion eben nicht adäquat auf das Geschehen der Gottesgeburt vorbereitete. Der Mensch hat wieder mal entsetzlich versagt.

Dass das richtige Verhalten nicht ganz einfach zu verstehen ist verdeutlicht der Choral von Paul Gerhardt, in dem die verzweifelte Frage gestellt wird: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ ich dir?” Dieser Choral enthält auch noch einen Schrei nach Erleuchtung: Sag mir, wie ich in deinem Sinne handeln soll! Das Problem bleibt also dem Menschen bis heute erhalten.

4. Die Geburtswehen und das Geburtsgeschehen müssen in jedem Menschen stattfinden. Die Umstände sind unbedeutend und können auch ärmlich sein. In herunter gekommenen Ställen und Krippen und unter freiem Himmel ist der Prozess möglich. Die Bass-Arie „Großer Herr, o großer König, liebster Heiland, o wie wenig achtest du der Erden Pracht” macht dies musikalisch sehr deutlich.

5. Johann Rists Choraltext „Brich an du schönes Morgenlicht und lass den Himmel tagen!” lässt die Freude empfinden, dass dieser „schwache Knabe” das Böse zwingt und uns den Frieden bringen wird. Auch in Lukas 2 sprach der Engel zu den Hirten: „Ich verkünde euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird…” Bach lässt uns diese Freude genießen:

* In der Tenorarie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet”

* In der Bass-Arie „geht, dass ihr das Wunder seht”

* In der Alt-Arie „schlafe mein Liebster… wo wir unser Herz erfreuen.”

* Und schließlich im Engelschor, im Bass-Rezitativ und im folgenden Choral: „Wir singen dir… aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr.”

6. Abschließend sei noch die für meine Begriffe vielleicht wichtigste Aussage im Weihnachtoratorium angesprochen, das Duett für Sopran und Bass: „Herr dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei.”

7. Diese Aussage ist eine Kernaussage des christlichen oder sogar eines weltumfassenden spirituellen Mysteriums überhaupt. Diese Kernaussage wirklich verstanden, hat mit der Befreiung der Menschheit zu tun.

Könnten wir Menschen unabhängig von Religionszugehörigkeiten und Glaubenssystemen wirklich realisieren, dass uns auf geistiger Ebene Vergebung, Versöhnung und Barmherzigkeit geschenkt ist, wäre es ein Leichtes, dem Mitmenschen, dem Nachbarvolk, dem Andersdenkenden, auch den sogenannten Heiden , Ungläubigen und Gottlosen ebenfalls keine Schuldvorwürfe mehr zu machen. Wir könnten wahrlich vergeben und ebenfalls barmherzig sein mit den heilsamen Folgen:

* Kein Argwohn

* Kein Überzeugen wollen

* Keine Übervorteilung

* Kein Verlassen der Augenhöhe

* Keinen Krieg,

* Sondern Befreiung und Freiheit.

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