Mystik

Jacob Böhme und die innere Wiedergeburt

Diesen Artikel empfehlen:

Jacob Böhme (1575-1624) war ein deutscher Mystiker. Er lebte zu der Zeit, zu der in Tübingen die drei Rosenkreuzer-Manifeste entstanden. Es war eine besondere Zeit. Man könnte von einer „zweiten Reformation” sprechen.1) Viele suchten nach einer „Reformation des Lebens”, die sie in der lutherischen Strömung nicht finden konnten. Zu den prominentesten Vertretern dieser innerprotestantischen Oppositionsbewegung gehört Jacob Böhme.2) Er war Schuster und Autodidakt. Im Jahr 1600 hatte er eine Erleuchtungserfahrung, die ihn zu einem der bedeutendsten Mystiker des Abendlandes machte. Er verfasste eine große Anzahl von Schriften. In einer von ihnen heißt es: „Ich trage in meinem Wissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern; sondern ich habe den Buchstaben in mir; liegt doch Himmel und Erden mit allem Wesen, dazu Gott selber, im Menschen: Soll er denn in dem Buche nicht lesen dürfen, das er selber ist?” 3)

Ein wichtiges Thema Böhmes war die Wiedergeburt des Menschen. In seinem Werk Von den drei Prinzipien göttlichen Wesens beschreibt er die Wiedergeburt als individuelle Aufhebung des Sündenfalls, als Prozess zur Wiederherstellung des Urzustandes der Menschheit. Nach Böhmes Verständnis war der Mensch vor dem Sündenfall androgyn, männlich und weiblich zugleich. Er besaß einen subtilen Geist- oder Kraftleib, der aus einer heiligen, reinen Substanz bestand. Der Mensch war „ein Bild oder Gleichnis Gottes, in dem Gott wohnte und in dem er durch seine ewige Weisheit seine Wunder eröffnen wollte”.

Durch den Sündenfall wurde der menschliche Leib grob, fleischlich und tierisch; der Mensch fiel in die sichtbare und vergängliche Welt. Die Folgen waren Alterung, Krankheit und Tod. Gott eröffnet sich laut Böhme nicht in einem Körper, wie ihn der Mensch jetzt besitzt, sondern nur in dem heiligen Körper, der ein Bildnis Gottes ist. Hierzu bezieht Böhme sich u. a. auf den 1. Korintherbrief, in dem es heißt, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können (1. Kor. 15, 50). Wer die innere geistige Welt ererben will, muss aus dieser neu geboren werden. Auch wenn man einen gewissen Glauben besitzt, wird man, so Böhme, nicht einfach in den Himmel versetzt, sondern man muss auch leiblich dazu vorbereitet sein. Die Wiedergeburt aus dem reinen Element des Ursprungs ist notwendig. Wie sollte man sonst dort leben können?

Die Wiedergeburt findet statt, während wir noch in dieser Welt leben. Sobald aber der neue, inwendige Mensch sich entfaltet, gehört er bereits seiner wahren Heimat an. Er besitzt einen Körper von derselben Substanz, wie ihn auch Adam vor dem Fall besaß.

Die Menschwerdung Christi, sein Tod und seine Auferstehung machen es laut Böhme möglich, dass der gläubige Mensch an dem reinen, ewigen Element teilhaben kann. Der Leib Christi nach seiner Auferstehung ist allgegenwärtig. Er besteht aus dem ewigen Element. Durch die Wiedergeburt erringt der Gläubige einen solchen feinstofflichen Körper und bekommt damit direkten Anteil an diesem universellen Leib des Christus.

Böhme deutet ihn auch an als den lapis philosophorum, den Stein der Weisen. Es ist der „Christus in uns”. Diesen Stein kann der Mensch in seinem Herzen finden. Er muss dazu seinen Eigenwillen aufgeben, um den Willen des Christus in seinem eigenen Innern zu finden. Der sterbliche Körper gehört weiterhin dieser Erde an. Im Tod, bei seinem Zerfall, trennt sich der unsterbliche Leib von ihm.

In diesem Sinne formuliert Böhme in seinem Werk De signatura rerum die Sätze: „Gott muss Mensch werden, der Mensch muss Gott werden, der Himmel muss mit der Erde ein Ding werden, die Erde muss zu Himmel werden”. Das geschieht in einem kontinuierlich anhaltenden Prozess der Menschwerdung Christi im einzelnen Gläubigen. Der neu entstehende Körper bleibt unter dem alten, sterblichen verborgen.

Der Wiedergeburt des Einzelnen entspricht auf größerer Ebene die Wiedergeburt der Welt. Von ihr spricht die Apokalypse des Johannes, wenn sie sagt: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.” (Off. 21, 1)  Die Wiedergeburt des Einzelnen muss dem jedoch vorausgehen. 4)

1) Vgl. Friedrich Vollhardt, Jacob Böhme – Ein Repräsentant der „Third Force” in 17. Jahrhundert?, in: Grund und Ungrund. Der Kosmos des mystischen Philosophen Jacob Böhme, hrsgeg. von Claudia Brink und Lucinda Martin, Dresden 2017, S. 12

2) Vgl. Vollhardt, a.a.O.

3) in: Die Zweyte Schutzschrift wider Balthasar Tilkens, zit. bei Vollhardt, a.a.O., S. 16)

4) Vgl. zu den Gedanken zur Wiedergeburt Mike A. Zuber, Theosophische Spekulation und erbauliche Frömmigkeit, in: Grund und Urgrund (s. Anm. 1), S. 114 ff.

Kommentare

Ihr Kommentar