Selbsterfahrung

Ist das alles?

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Ich erinnere mich an frühe Gedanken meiner Kindheit. Einer von ihnen war: Ist das alles?

Gedanken und Empfindungen dieser Art begleiteten mich. In der Grundschule, vielleicht im zweiten oder dritten Schuljahr, fragte ich unseren Pastor im Religionsunterricht nach dem Sinn des Lebens. Er wies zur Antwort auf den Katechismus hin. Als ich damit nicht zufrieden war, sagte er, dass es sich um ein großes Mysterium handele.

Später auf dem Gymnasium hörte ich – etwa im Alter von dreizehn Jahren – im Geschichts- und auch im Religionsunterricht von den griechischen Mysterienschulen. Der Religionslehrer sagte, die Menschen in diesen Mysterienschulen hätten viel gewusst, eventuell sogar alles, was man habe wissen können.

Ich dachte mir: sie kannten wohl auch den Sinn des Lebens.

Mit etwa 37 Jahren fand ich eine Geistesschule. Ich nahm an einem Einführungskurs teil. Es dauerte keine zehn Minuten, da war mir klar: „Hier bin ich richtig!” Ich musste den Kurs noch einmal besuchen, weil ich erkrankte.

Als ich dann schließlich in diese Schule aufgenommen wurde, erlebte ich eine so unbeschreibliche Seelenfreude, dass ich sie nicht in Worte fassen kann.

Immer wieder hatte ich nach den spirituellen Zusammenkünften das Empfinden, dass ein Vorhang durchsichtiger wurde. Ich verstand immer besser den Auftrag des Menschen, die Möglichkeit, die in ihm ruht.

Eine wissensdurstige Instanz in mir sah sich wiederholt mit Neuem konfrontiert, parallel dazu stieß meine Seele in Bereiche vor, von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Das, was ich durchlebte, war keineswegs nur lichtvoll. Große Hindernisse taten sich auf. Ich erfuhr die Schatten in mir und in meinen Gefährten. Eine innere Instanz ließ mich jedoch weitergehen. Vieles in den Schriften der Geistesschule verstand ich nicht auf Anhieb, doch ein Gefühl sagte mir, dass es so sein müsse und dass es sich mir entschleiern werde.

Im Laufe der Jahre las ich viel von den Erfahrungen, die andere Menschen auf  inneren Wegen machten. Und ich stellte fest, dass meine Erfahrungen ähnlich sind.

Ich lernte, immer mehr auf die innere Stimme zu hören. Das war anfangs etwas ungewohnt, weil sie mitunter etwas Anderes sagt als die Stimme des Kopfes. Das Leben zeigte mir, dass diese leise innere Stimme mehr weiß als die laute Vernunft oder was ich dafür halte.

Es war oft ein Streit zwischen mir und dem „Anderen” in mir. Mein Ich gab und gibt sich ungern geschlagen, musste jedoch immer wieder eingestehen, dass diese andere Instanz weiß, worum es geht.

Das konsequente Horchen auf diese Stimme, die Zwiesprache mit der Seele, führt mich auf meinem Weg. Aus dem Verständnis, das daraus erwächst, verändert sich die Sichtweise auf diese Welt und ich empfange eine Ahnung von anderen Reichen oder Welten. Ich mache die Erfahrung, dass nur die innere Stille neue Wege erahnen und erkennen lässt. Wenn sie fehlt, scheinen alle Wege wieder verschüttet oder verschwunden zu sein.

Der stete Wechsel in der Auseinandersetzung mit der äußeren Welt zeigt, dass es gigantische Kräfte gibt, die die innere Erkenntnis mit Lärm, lauter Musik, Streit und anderem verschütten wollen. Das erfordert Wachheit von morgens bis abends und von abends bis morgens.

So verläuft der Weg über Fragen und Erkenntnisse, Gespräche und Taten und das wiederholte Eintauchen in das geistige Feld der Gruppe.

Die innere Stimme, die Intuition sind Wegweiser, wenn ich ins Stocken gerate. Sie sind der Anstoß für den nächsten Schritt.

Foto: Christel Achenbach
2 Kommentare
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Hallo, diesen Artikel begrüße ich sehr, denn er berichtet von einem lebendigen Schülertum, und ich glaube es ist schön, wenn hier ab und an so ein Zeichen gesetzt wird.
    Danke!

  • Gross, KlausBeantworten

    Klaus Gross
    07.07.2017

    Mir ging es ähnlich.
    Ein Freund redete mich damals an:"du interessierst dich doch immer für Philosophie, ich habe eine Gruppe entdeckt,, die gute Vorträge hält, das wird dir bestimmt gut gefallen."
    So war es dann auch. Das Gefühl sagte mir sofort: "das ist ja alles wahr, was hier gesprochen wird, wunderbar, hier bleibe ich."

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