Weisheit in der christlichen und islamischen Tradition

Diesen Artikel empfehlen:

Wege der Weisheit wurden seit jeher gegangen. Sie bringen zusammen, was im Äußeren getrennt ist und oft gegeneinander steht. Die großen Weisen „sitzen an einem Tisch”. Das gilt auch für die der islamischen und christlichen Tradition. Es gibt zahllose Weisheitslehrer in der arabischen und persischen Geschichte, die hier im Westen nur Wenigen bekannt sind. Sie ins Bewusstsein zu bringen, ihre Lehren bekannt zu machen, würde unmittelbar einen Brückenschlag bedeuten zwischen Ost und West.

Einer von ihnen, der im Abendland über viele Jahrhunderte hin bekannt war, war Abu Ali ibn Sina (980-1037). Er wurde Avicenna genannt und war der wohl berühmteste Philosoph und Arzt des Islam im 11. Jahrhundert. Sein Hauptwerk über die Medizin war teilweise bis ins 18. Jahrhundert an den Universitäten Europas das wichtigste Lehrbuch für Ärzte. Aufgrund seiner philosophischen Arbeiten und Gedichte wird er auch dem Sufismus zugerechnet.

Ibn Sina bemerkte vor allem die enge Beziehung zwischen Seele (nafs) und Körper und berücksichtigte dies bei seinen Heilmethoden.

Man kann ihn in Beziehung setzen zu Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, der sich Paracelsus nannte (1493-1541). Er wirkte in der Schweiz, in Deutschland und Österreich. Die Medizin hat nach seiner Sicht auf Natur- und Gotteserkenntnis zu fußen. Ebenso wie Avicenna drang er tief in die verborgenen Zusammenhänge ein, die den Menschen mit dem Sichtbaren, dem Seelischen und dem Göttlich-Geistigen im Universum verbinden.

Für beide großen Lehrer war die innere Arbeit an sich selbst unabdingbar. Auf ihr beruhte ihr medizinisches Wirken.

Avicenna dichtete:

Wir haben nun durch Gottes Huld

den Stand der Heiligen gewonnen,

dem Guten sind, dem Bösen wir,

das uns in Banden hielt, entronnen;

denn da, wo Deine Gnade wirkt,

vergeht in Nichts, was wir vollbrachten,

und dennoch zum Vollbrachten wird,

was wir noch nie zu tun begonnen.

(Nachdichtung von Hermann Ethé)

Zur Überwindung sowohl des Guten als auch des Bösen dieser Welt und damit der bestimmenden Macht der Prägungen des eigenen Charakters schreibt Paracelsus:

Das Gestirn ist dem Weisen unterworfen. Es hat sich nach ihm zu richten, und nicht er sich nach dem Gestirn. Nur einen Menschen, der noch tierisch ist, regiert, meistert, zwingt das Gestirn, dass er nicht anders kann, als ihm zu folgen – wie der Dieb dem Galgen, der Mörder dem Gerädert-Werden, der Fischer den Fischen, der Vogelfänger den Vögeln oder der Jäger dem Wild nicht zu entgehen vermag. Das aber rührt daher, dass ein solcher Mensch sich selbst nicht kennt und die Kräfte, die in ihm verborgen liegen, nicht zu gebrauchen versteht, und er nicht weiß, dass er das Gestirn in sich trägt, dass er der Mikrokosmos ist und so das ganze Firmament mit allen seinen Wirkungen in sich birgt.

(aus: Paracelsus – Philosophie und Heilkunde in zeitloser Aktualität, hrsgeg. von Dr. Klaus Bielau)

Die Weisheit des islamischen und des christlichen Kulturkreises miteinander zu verbinden, dem dient das Symposium der Stiftung Rosenkreuz, das am 29./30. Oktober 2016 in Calw stattfindet:

Die Tiefe des Gemeinsamen.  Mystik – Wo sich Islam und Christentum die Hand reichen.

Abb.: Wikipedia:
Abū Alī al-Husain ibn Abdullāh ibn Sīnā genannt Avicenna 
Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim


Kommentare

Ihr Kommentar