Kunst

Inspirationen durch einen Maler

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In der Pause eines Vortrages stehe ich auf und schaue zufällig über die Schulter des Malers, der vor mir sitzt. In einem kleinen Notizheft sehe ich eine Skizze von einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ein Ouroboros. Das kleine zarte sehr akkurat gezeichnete Bild strahlt eine Reinheit aus, etwas Unbeschreibliches – ich kann’s nicht erklären. – Ein Kreis, eine erahnbare Ewigkeit.
 
Einige von uns machten sich während der inspirierenden Vortragsreihe auf College-Blöcken  Notizen. Der Maler notierte sich aufgefangene Ideen, Gedanken, nicht in Worten sondern in Form von Skizzen, Bildern, vielleicht auch Symbolen.
 
Vor kurzem begegnete mir der Maler, ohne, dass ich gleich wusste, dass er der Künstler ist, von dessen Werken ich zu hause z. B. ein Kalenderblatt mit einer Rose in Druck oder eine Herz-Postkarte habe. Ich sagte nur: „Wir kennen uns doch von früher?” Er war mir irgendwie bekannt. Unsere Spuren begegneten sich bereits vor langen Zeiten…
 
Seine Werke, von denen ich immer wieder wunder-bare zu Gesicht bekam, gewannen um ein vielfaches an Wert, seitdem ich den Maler nun erlebt habe. Er-lebt.
 
Ich sehe sein Bild mit der Schlange und denke sofort: „Wie im Film!”Auch vor kurzem, ich sah den Film, in welchem der Maler mit-wirkte, Werke schuf.
 
In dem Dokumentar-Film arbeitete der Maler. Er hielt eine Astgabel in der Hand, entzündete sie am Feuer einer Kerze, zeichnete mit Licht, schwärzte die Leinwand skizzenhaft, seine Gedanken, die in ihm auftauchten, er-klärend, Klar-heit über das Mensch-Sein schaffend, eine kosmische Darstellung der Menschen, zuerst in getrenntem Zustand, dann mit zwischen ihnen aufgebrochenen Grenzen – All-Bewusstsein und das zentrale Licht stehen erneut im Menschen wieder auf.
 
Der Maler geht zeichnerisch von dem Urlicht, wie er es ausdrückt, aus, welches Spuren in den Raum malt und die verschiedenen Körper der Menschen entstehen lässt und speist. Dann werden die Lichtelemente eigenständig, d.h. das Urlicht wird zu eigenen Körpern geformt. Die Menschen werden voneinander abgespalten, ein Gegeneinander entsteht, das Miteinander schwindet. Bis Menschen sich wieder mit dem Urlicht verbinden. Körper lösen sich auf, die Gegensätzlichkeit verschwindet, und die vielfältige Einheit entsteht, jede Form erneut abgeleitet vom Ursprung.
An anderer Stelle im Film malte der Maler während der von einer Person gesprochenen Darstellung eines Einweihungsweges und stellte diesen zeichnerisch dar. Die mit dem inneren Auge empfangenen Bilder macht er dem äußerem Auge zugänglich: Die Reise des Christian Rosenkreuz , Ausgangspunkt der Rosenkreuzer, der Prototyp, der in eine Zukunft vorausblickt, in der die äußere Religion schwindet und bewusstem innerlichem Gottesdienst weicht.
 
Der Maler schöpft aus uns verborgenen Welten. Seine Werke und seine Ruhe zeugen von ihnen. Sie beschreiben einen Weg in ungekannte Tiefen des Kosmos aber auch des Mikrokosmos und Makrokosmos, in die der zur inneren Seelen-Reife gelangte Mensch eindringen kann. Dem Künstler eröffnen sich andere Dimensionen. Er schöpft aus dem Unbewussten, das er erst mal nicht kennt, dann erahnt und schließlich er-kennt, wieder er-kennt. Der Künstler weist den Menschen einen Weg, öffnet Tore. Es ist sein Sein, sein Nicht-anders-können. Er strahlt Liebe aus. Er braucht Frei-Raum aber auch Frei(e)-Zeit zum schaffen und wirken.
 
Durch die Klang-Welt seiner Bilder betreten wir neu eroberte Bewusstseinsebenen. Seine Farb-Töne berühren uns wie ein über den Himmel weit gespannter Regenbogen und bringen in uns etwas zum Erzittern. Seine Figuren, seine Figuration, sind seine schriftlichen Kompositionen, welche uns verwandeln sollen.
 
Der Künstler und seine Kunst sind eins.
Sowie der Schöpfer und seine Schöpfung eins sind.
Und doch drückt der Künstler sich durch das Geschaffene aus. Sein Werk wird durch die Kunst sichtbar gemacht – sichtbar gemachte Liebe.
 
Es ist ein großes Geschenk, einem solchen Künstler in der heutigen Zeit zu begegnen, einem Maler, der nicht seine Seele verkaufen muss, der nicht seine Kunst-Werke vermarkten muss, um existieren zu können. Seine Seelenarbeit wird im Werk erkennbar, ohne Zwang. Der Maler kann sich immer wieder dem Universellen zuwenden, was seine Werke letztendlich wirklich  belebt.
 
Und sein Leben, seine Kunst begleitet von Texten, Gedanken, kleinen Aphorismen – kleine Weisheiten in mir ganz bekannter und vertrauter Sprache.
 
Die Seelenschwingung des Künstlers kommt auch über ein besonderes Foto zu mir: die tiefstehende Winter-Sonne scheint nur auf ein kleines Fleckchen Erde und strahlt gerade durch ein auf dem Schnee stehendes Kunstwerk hindurch, so wird ein langer filigraner Schatten auf die Schneekristalle ausgebreitet.
 
Oder ein anderes Foto: ein Prisma fängt das Morgensonnenlicht auf, spaltet es in prächtige Regenbogen-Farben, die wiederum leuchtend und farben-froh auf den Notiz-Block des Malers fallen und über dem Wort „Frühlingsanfang” ruhen.
 
Der Maler ist Schreiber, Fotograf, Zeichner in einem und kennt sich in der hohen Lebens-Kunst aus. Er ist Künstler durch und durch. Er lebt, er er-lebt.
 
Zugleich ist er Wissenschaftler, er nimmt die Frucht wahr, er studiert sie, bevor er sie zeichnet. Er entdeckt das Pentagramm in der Apfelblüte sowie auch im Inneren des Apfels. – Die Form des vollkommenen Menschen, der vitruvianische Mensch, der Goldene Schnitt. Auch die Quitte übt eine Faszination auf ihn aus.
 
Und er ist ein von der Wahrheit Berührter. Er spricht aus dem Herzen. Das Strahlen seiner Augen zeugt von innerem Reichtum.
 
Kunst, Wissenschaft und Religion sind ihm zugeteilt, sind seine Attribute.
 
In lang vergangenen Zeiten bildeten Kunst, Wissenschaft und Religion für den Menschen eine unzertrennbare Einheit, ein feuriges Dreieck. Dadurch, dass der Mensch im Laufe seines Daseins diese drei Grundpfeiler immer mehr für sich und allein dastehen ließ, also Kunst von Wissenschaft trennte, Religion von Kunst und Wissenschaft von Religion, trennte auch er sich innerlich mehr und mehr von seinem Mitmenschen, er wurde sehr einsam, er wurde zum Individualisten, zum Ego, das für sich vereinnahment ist, das ist der Mensch heute.
 
Ziel der menschlichen Schöpfung ist es, im ursprünglichen Sinne Schönheit (Kunst), Weisheit (Wissenschaft) und Wahrheit (Religion) im Mensch-Sein wieder zu vereinen. Das kann ein Wissenschaftler, ein Künstler aber auch ein nach Wahrheit Suchender in innerer Verknüpfung der drei Aspekte in Serenität erreichen:
 
Mit dem Glauben (die Liebe des Herzens) –
Mit dem Denken (die Weisheit des Hauptes) –
Mit dem Wirken (das Werk der Hände, die Handlung) gepaart mit der reiner Willenskraft.
 
Ich habe für mich persönlich immer innere Kreativität von äußerer Kreativität unterschieden. Innerer schöpferischer Reichtum – ein Aufeinander-Folgen von lebenden Buchstaben, Worten, Sätzen, Gedanken, aufgezeichnetes Er-Lebtes – es sprudelt aus dem Innersten Quell, aus dem Verborgenen in uns. Innere Kreativität ist wahre Kunst und voller Beweg-Gründe. Sie ist fern von Ich-heit, von Vermarkten-wollen, von immer-mehr-wollen, von Verlangen nach Berühmt-werden-wollen, welche allerdings die äußere Kreativität oder Kunst begleiten. Diese innere Kreativität ist ein Seins-Zustand, sie ist einfach, auch wenn sie nicht in zarter Lyrik, fein gemeißelter Bildhauerei, in einem lauteren Portrait oder in einem rein schwingenden Musikstück geoffenbart wird. Sie ist im Menschen, kann zum Ausdruck und Ausbruch kommen, muss aber nicht. Der Mensch selbst ist schon Ausdruck des Göttlichen in ihm. Sein Wort, seine Tat, sein Schweigen.
 
Der wahr(heitssuchende)e Künstler lebt still, bescheiden und stellt sein Licht dennoch nicht unter den Scheffel, er wirkt unter den Menschen, er verschweigt sein Können (seine Kunst) nicht, er berührt die Menschen, er ruft die Menschen, er erschüttert sie, er rüttelt sie wach, er tröstet sie, er regt etwas in ihnen an, er verschenkt seine Kunst an die Menschen. Er gibt, er erhält, er erneuert, d.h. wandelt um.
 
All seine Kunst erhält erst den wahren vollen Wert und die eigentliche tiefe Bedeutung, wenn der Künstler in der Aufmerksamkeit gegenüber der Natur(-Wissenschaft) und der Liebe zum Geschöpf und dem Glauben an hohe serene Kräfte (Religion) von unbekanntem Ursprung nie nachlässt. Wenn er immer und unaufhörlich bestrebt ist, nach dem Licht strebt.
 
Bis dahin, dass er das Licht in sich ausbreitet und zum Leuchtturm für Welt und Menschheit wird.
 
Und der Maler, der mich inspiriert hat, ist Alfred Bast.
 
Foto: Silke Kittler
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