Persönlichkeiten

Ibn al-’Arabi – Mensch und Kosmos 3. Teil

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Ibn al-’Arabi (1165-1240) war der wohl größte Mystiker und Theosoph in der Geschichte des Islam.

Einige Gedanken aus seiner Lehre, soweit sie Mensch und Kosmos betreffen.

Die Wirklichkeit ist in Gott allein. Sie besteht aus Seinen Qualitäten, deren Anzahl nicht zu bestimmen ist. Sie werden auch Seine Namen genannt. Historisch hat es sich so entwickelt, dass man von 99 Namen Allahs spricht.

Im Koran (der 84 der Namen enthält) heißt es, dass Gott Adam „alle Namen lehrte” (2:30). Und der Prophet sagt, dass Gott den Menschen in Seiner (Gottes) eigenen Form geschaffen hat. Daraus ergibt sich: Er schuf den Menschen in der Form aller göttlichen Namen.

Außer dem Menschen wurde nur ein einziges weiteres Geschöpf in der Form von Gott geschaffen. Das ist der Kosmos in seiner Ganzheit. Er ist, ebenso wie der Mensch, das Spiegelbild Gottes. In ihm findet jeder Name Gottes einen besonderen Ort der Enthüllung. Die Vielzahl der Namen, der Eigenschaften Gottes, ist auf den gesamten Kosmos verteilt. Eine unendliche Vielzahl existenzieller Möglichkeiten ist in ihm ausgebreitet.

Im Menschen sind demgegenüber die göttlichen Namen mit allen ihren Eigenschaften zusammengezogen und verdichtet. Man kann sagen: Gott schuf den Kosmos im Hinblick auf die Vielzahl Seiner Namen, den Menschen jedoch erschuf Er im Hinblick auf die Einheit Seiner Namen. Entsprechend alter Tradition bezeichnet Ibn al-’Arabi das Menschenwesen deshalb als Mikrokosmos. Er steht dem Makrokosmos polar gegenüber. Auf Grund der unbestimmten Streuung der Eigenschaften Gottes im Makrokosmos sind sich die Dinge dort ihrer selbst kaum bewusst. Anders ist es im Menschen. Durch die starke Konzentration aller göttlichen Eigenschaften in seinem Innersten wird er zu bewusster Aktivität gedrängt. Daraus ergibt sich die Aufgabe, die der Mensch in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf den Kosmos hat.

„Der ganze Kosmos ist die Aufgliederung von Adam, während Adam das allumfassende Buch ist. In Bezug zum Kosmos ist er wie der Geist zum Körper. Daher … ist der Kosmos der ‚große Mensch’. … Die Vollendung des Kosmos durch den Menschen ist wie die Vollendung des menschlichen Körpers durch den Geist. Der Mensch wird in den Körper des Kosmos ‚eingeblasen’, somit ist der Mensch das Ziel des Kosmos.” (Ibn al-’Arabi)

Da alle göttlichen Namen im Innersten eines Menschen vereint sind, kann er jede denkbare Eigenschaft aufzeigen. Er ist dazu gerufen, möglichst viele der göttlichen Namen zu verwirklichen. Das bedeutet, einen Weg der Vervollkommnung zu gehen. Dadurch verherrlicht er zugleich alle Dinge und lernt, Gott in allen Dingen zu erkennen. Für ihn, der diese Augen entwickelt, gelten die Worte des Korans: „Wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist das Angesicht Gottes.” (2:115) Adam wurde in Vollkommenheit erschaffen. Seine Nachfahren jedoch versanken in der Unvollkommenheit.

Vom Menschen wird verlangt, die aus Eigenwillen und Launen entstandenen menschlichen Eigenschaften aufzugeben. Die göttlichen Eigenschaften kann er allerdings aus eigener Kraft nicht erlangen. Sie kommen durch seine „Hingabe” und „Unterwerfung” an Gott (= islam) als die Eine Wirklichkeit in ihm zum Vorschein. Der Aufstieg zu Gott ist gleichbedeutend mit dem Einswerden mit Seiner (Gottes) Selbstenthüllung. Der vollkommene Mensch handelt nicht aus sich selbst. Was immer er tut, wird von Gott durch ihn getan.

„Du bist darauf vorbereitet, Vollkommenheit zu empfangen, wenn du verstehst. Deshalb wurdest du von der ganzen Welt ermahnt und unterrichtet. Wärest du nicht darauf vorbereitet, Vollendung zu empfangen, wäre es nicht richtig, dich zu ermahnen, und es wäre umsonst und nutzlos, dich über die Vollkommenheit zu unterrichten. So tadle dich nur selbst, wenn du nicht das empfängst, wozu du berufen wurdest!” (Ibn al-’Arabi)

Wenn die natürlichen und die gesellschaftlichen Verhältnisse auf der Erde in einen Prozess des Verderbens und Zerfalls geraten (wie es in unserer Zeit der Fall ist), ist damit ein Ruf, ein Hilferuf verbunden. Alle, die es vermögen, sind gerufen, sich auf den Weg der Vervollkommnung begeben. Denn wer die göttlichen Namen in sich erweckt, ruft sie auch an anderen Orten in die Existenz und stimuliert sie in anderen Menschen und in den Naturreichen.

Die Gedanken (und Zitate) stammen weitgehend aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

Titelbild: Holzdecke Hildesheim 1220
Fresco: Michelangelo
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