Persönlichkeiten

Ibn al-’Arabi – Von der Selbsterkenntnis und vom Menschwerden Teil 5

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Eine weitere Betrachtung zu den Lehren Ibn al-’Arabis, des großen islamischen Mystikers, der von 1165-1240 lebte.

Das Ziel des Menschseins besteht nach Ibn al-’Arabi darin, die göttliche Veranlagung, die im Menschen beschlossen liegt, zu verwirklichen. Er beschreibt sie mit den Worten: „Als Gott den menschlichen Geist erschuf, erschuf Er ihn vollkommen, vollständig, entwickelt, vernünftig, bewusst, mit Glaube an Gottes Allbewusstsein, Seine Herrschaft anerkennend.” Der göttliche Geist ist leuchtend, lebendig, vernünftig, bewusst, klug, kraftvoll, verlangend, sprechend; er besitzt, kurz gesagt, alle Eigenschaften von Gott. Dieser Geist nun wird dem „Lehm” eingehaucht, der Materie, die nichts von all diesen Eigenschaften besitzt. So entsteht die menschliche Seele. Sie ist eine zwischen dem Geist und der Materie liegende (dritte) Daseinsebene und besitzt daher Eigenschaften sowohl der über ihr als auch der unter ihr liegenden Ebene. Diese Situation kennzeichnet das gewöhnliche Bewusstsein. Die Seele nimmt durch ihre Vorstellungskraft Gestalten und Formen der sinnlichen Dinge in ihr Bewusstsein auf.

Kann der Mensch sein Bewusstsein auch zum Wirklichen (zur Essenz aller Dinge im göttlichen Geist) erheben?  Die Antwort lautet „Ja und Nein”. Gott besitzt das Allbewusstsein (Tawhid). Allein in Ihm ist Wirklichkeit. Aus dieser Perspektive heraus sagt Ibn al-’Arabi: „Es gibt kein (wirkliches) Bewusstsein außer Gottes eigenem Bewusstsein.” Die Eine Wirklichkeit will sich indes mit Hilfe des menschlichen Bewusstseins selbst finden. Sie stößt dabei auf die Begrenztheit des Menschen. Deshalb lässt sich über das menschliche Bewusstsein sagen: Es ist sowohl identisch mit dem sich selbst findenden (suchenden) Bewusstsein des Einen Wirklichen, als auch davon verschieden.

Es gibt zwei Klassen göttlicher Eigenschaften (Namen), die beide im Schöpfungsprozess wirksam sind. Sie entsprechen der Zweifachheit des menschlichen Bewusstseins. Die eine Gruppe der Eigenschaften (Namen) hat einen Bezug zur universellen Einheit. Dazu gehören „Barmherzigkeit”, „Güte”, „Schönheit”… Die andere Gruppe der Namen bezieht sich auf die Vielheit. Dazu gehören „Zorn”, „Strenge”, „Erhabenheit”… Die erste Kategorie kennzeichnet die positiven Beziehungen der Geschöpfe zum Wirklichen, zum Allumfassenden. Die zweite Kategorie enthält Beziehungen, die den Abstand von Gott beschreiben. Durch sie entstehen Disharmonie mit dem Wirklichen, Ungleichgewicht, Voreingenommenheit, Unterschiede und Unwissen.

Beide Arten der Namen sind Eigenschaften Gottes. Es sind seine „beiden Hände”, mit denen er den Menschen erschafft. Der Mensch ist dazu gerufen, sich der „rechten Hand” zuzuwenden, der (ersten) Gruppe von Eigenschaften, die die Nähe zu Gott darstellt.

Meditation; Konzentration und Erinnerung (dhikr) fördern diesen Weg. Das Einsehen der eigenen Nichtigkeit lässt die ursprüngliche Veranlagung aufscheinen, ermöglicht ihre Selbstenthüllung, so wie sie war und ist, ehe sie „dem Lehm eingehaucht wurde”. In Bezug auf das Begrenzte der irdischen Gestalt und ihren Eigenschaften sprechen die Sufis von Auslöschung (fana’); sie geht einher mit dem Bestehenbleiben (baqua’) der ursprünglichen göttlich-geistigen Form des Menschen. „Alles auf Erden ist vergänglich; bestehen aber bleibt das Angesicht deines Herrn, des Herrn voller Majestät und Ehre.” (Koran 55:26-27) Die Worte „Angesicht deines Herrn” beziehen sich nach Ibn al-’Arabi auch auf die göttlich-menschliche Form.

Der Mensch erfährt auf diesem Weg die Selbstenthüllung des Wirklichen. Ibn al-’Arabi gebraucht für diese Erfahrung Begriffe wie Gnosis (ma’rifa), Entschleierung, Schmecken, Einsicht und Öffnung. Damit verbunden ist ein Sehen, das im Herzen geschieht. Durch das Wenigerwerden, das Verlöschen, entwickelt sich der göttliche Name des „Zeugen” (shahid). Das bedeutet: Die Selbstenthüllung der göttlichen Eigenschaften wird bis zu einem gewissen Grade miterlebt, wird bezeugt. Der Zeuge ist die „Spur”, die das Erlöschen hinterlässt. Er ist ein Bewusstsein, das auch als Freude erlebt wird. Die eine Art von Wahrnehmung wird aufgegeben, um von einer höheren ersetzt zu werden. „Echte Vollkommenheit wird nur in demjenigen gefunden, der sowohl seinen Herrn, wie auch sich selbst bezeugt.” Die Auslöschung des Unwirklichen führt zum Sein im Wirklichen.

Ibn al-’Arabi: „Durch diesen Aufstieg verwirklichte ich die Bedeutungen aller göttlichen Namen. Ich sah, wie sie alle auf ein einziges Benanntes und eine einzige Wesenheit zurückgehen. Das Benannte war das Objekt meiner Bezeugung und jene Wesenheit war meine Eine Wirklichkeit (wujud). So verlief meine Reise nur in mir selbst.”

Von ihm, der die ursprüngliche Veranlagung errungen hat, wird gesagt: „Er ist der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene.” (Koran 57:3)

Die Gedanken und Zitate stammen im Wesentlichen aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

Abb.: von Alfred Bast

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