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Ibn al-’Arabi und die Frage nach der Wirklichkeit

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In der islamischen Tradition wird Ibn al-’Arabi (1165-1240) von vielen „der Größte Meister” genannt. Er ist wohl der bedeutendste arabische Mystiker. Hier einige seiner Gedanken zu der Frage: Was ist Wirklichkeit?

Es gibt eine Essenz des Wirklichen (wujud), die unveränderlich ist. Es ist die Wirklichkeit Gottes. Sie ist der nicht erkennbare und nicht definierbare Urgrund von allem. Die Vielheit der Dinge, die wir wahrnehmen und erleben, hat darin ihre Wurzeln. Ohne die Essenz der Wirklichkeit kann nichts in die Erscheinung treten. Hierzu ein Bild: Ohne das Licht (das als solches unsichtbar ist), können keine Farben in Erscheinung treten. Nichts von dem, was wir erleben, existiert in sich selbst, sondern es zeigt sich nur durch die Essenz des Wirklichen, die sich offenbart. Und das geschieht in jedem Moment auf andere Weise. Die Dinge haben nur eine „geborgte Existenz”, die sie in jedem Augenblick neu erhalten. Man kann ihre Existenz mit einem Spiegelbild vergleichen. Der Reichtum der Essenz spiegelt sich mit Hilfe der Materie. Das gilt auch für den Menschen.

Gott zeigt sich selbst an allen Orten der Offenbarung. Innerhalb seines Wesens sind die Dinge in einem Zustand der Nichtexistenz, unveränderlich. Gott atmet sie aus und sie treten in die Existenz. Der Atemvorgang wiederholt sich in jedem Moment und so zeigen sich die Dinge in jedem Moment auf neue Weise. Ihr eigentliches Wesen bleibt dabei unverändert in Gott. Sein unergründlicher Reichtum fließt indes fortwährend über, in die Existenz hinein.

So sind der Mensch, die Heiligen Schriften und alle Dinge im Kosmos Zeichen der Selbstenthüllung des Einen Wirklichen. Die Qualitäten Gottes werden als die „Namen Gottes” bezeichnet. Die Wichtigsten von ihnen sind im Koran und in den Aussprüchen (Hadithen) des Propheten formuliert. Traditionell spricht man von 99 Namen Gottes, aber zugleich wird gesagt, dass jeder Erscheinung im Kosmos einer oder mehrere der Namen Gottes zugrunde liegen. Das bedeutet, dass ihre Zahl nicht benannt werden kann. Sieben Namen kennzeichnen die Schlüsseleigenschaften des Einen: Lebendig, Wissend, Wünschend, Mächtig, Sprechend, Großzügig und Gerecht.

Die göttlichen Namen bilden die Brücke zwischen der Essenz des Wirklichen (wujud) und ihrer Reflektion im Kosmos. Die Namen sind die Arten, in denen sich die Eine Wirklichkeit zeigt. Durch sie erhalten die Geschöpfe ihre Eigenart, durch sie werden sie zu Zeichen der Einen Wirklichkeit.

Jedes Ding ist mehrdeutig: Es ist mit dem Wirklichen, mit wujud, sowohl identisch, als auch davon verschieden. So wie es bei einem Spiegelbild der Fall ist. Und ebenso ist der Augenblick eines jeden Dings sowohl identisch, als auch verschieden von dem vorhergehenden und dem folgenden Augenblick. Die Selbstenthüllung Gottes wiederholt sich nie. Von ihr heißt es in einem Ausspruch des Propheten: „Ich war ein verborgener Schatz, so dass ich erkannt werden wollte; also erschuf ich die Geschöpfe, damit ich erkannt werde.”

In einem weiteren Ausspruch sagt der Prophet, dass Gott Adam in seiner eigenen „Form” geschaffen hat. Das bedeutet, dass die Menschen in ihrem Innersten so beschaffen sind, dass sie Gott abbilden und damit alle seine Namen. Das bezieht sich auf die innerste Essenz des Menschen, auf sein innerstes Selbst. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, auf seinem Lebensweg etwas davon zum Ausdruck zu bringen. Jeder kann etwas von den in ihm verborgenen göttlichen Eigenschaften, von der Essenz des Wirklichen, in die Existenz bringen. Die Sufis, die Mystiker des Islam, befinden sich auf diesem Weg. Er umfasst die Lehre vom Vollkommenen Menschen.

Die Vorstellungskraft (Imagination) ist hierfür ein unabdingbares Mittel. Durch sie hat der Mensch die Möglichkeit, jedes Ding in der Natur als ein Spiegelbild, als ein Zeichen Gottes zu erkennen. In jedem, was sich zeigt, kann er durch eine geläuterte Vorstellungskraft ein Abbild göttlicher Namen sehen, einen Hinweis auf die Eigenschaften Gottes. Die Vorstellungskraft ist ein wesentlicher Aspekt der Seele des Menschen. Diese bildet die Zwischenwelt zwischen dem rein Geistigen und dem Materiellen, sowohl im Menschen als auch in der Struktur der Welt. Die Zwischenwelt macht den

Aufstieg des Menschen zur Vollendung möglich, aber sie enthält auch die Möglichkeit des Herabsinkens in einen untermenschlichen Zustand.

Solange ein Mensch noch keinen Zugang zur Essenz des Wirklichen gefunden hat, befindet er sich in einem Traumzustand. Er bildet sich ein, er nehme Wirkliches wahr, aber er lebt in bloßer subjektiver Einbildung. Es gibt aber auch ein Erwachen innerhalb der Vorstellungskraft. Dann wird dem Menschen zweierlei klar: Er weiß von der göttlichen Essenz, mit der nichts Existierendes vergleichbar ist. Und er sieht zugleich, wie sich etwas von dieser Essenz in allen Dingen der Schöpfung zeigt, wie sich die „göttlichen Namen” überall spiegeln.

Die Gedanken sind weitgehend entnommen aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

Gemälde: Robert Mohr
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