Persönlichkeiten

Ibn al-’Arabi und die nächste Welt VI

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Der islamische Glaube kennt drei Prinzipien: die göttliche Einheit (tawhid), das Prophetentum (nubuwwa) und die „Rückkehr zu Gott” (ma’ad).

In dieser Betrachtung zu den Lehren Ibn al-’Arabis (1165-1240) folgen einige Gedanken, die die Rückkehr zu Gott betreffen.

Im Koran finden sich die Worte: „Den beiden Wassern, die sich frei bewegen, hat Er freien Lauf gelassen. Zwischen beiden ist eine Schranke, die sie nicht überschreiten.” (55:21) Die „beiden Meere” sind die spirituelle und die körperliche Welt, die des Geistes und die der Körper, oder „diese Welt” und „die nächste”. Die Trennung zwischen den „Wassern” wird durch eine Zwischenwelt aufrecht erhalten, die Welt der Seelen. Sie besteht aus vielen unterschiedlichen Sphären.

Der Mensch ist ein „Mikrokosmos”. Er enthält in sich alle drei Welten: die spirituelle, die seelische (auch „bildhafte” genannt) und die körperliche. Die Seele kann einen Weg gehen, der verschiedene Stufen besitzt. Häufig werden sieben genannt. Drei davon sind die Wichtigsten. Sie werden mit Worten aus dem Koran gekennzeichnet: als Seele, die „zum Bösen neigt” (12:53), als Seele, „die sich selbst anklagt” (75:2 – das ist die Seele auf dem Weg der Läuterung) und schließlich als Seele „voll Ruhe” in Gott (89:27 – die höchste Seelenstufe).

Der Körper ist ein Gefäß für die Entwicklungswege der Seele. Diese benötigt immer einen Körper, um sich ausdrücken zu können, auch in der Zeit nach dem Tod. Sie gelangt dann in die Sphäre des Jenseits (barzahk). Hier besitzt sie einen Körper feinstofflicher Art. Ibn al-’Arabi spricht von einem „bildhaften” Körper.

Jeder Mensch erschafft durch die Art, in der er sein Leben führt, seiner Seele eine bestimmte Form. Wenn der sichtbare Körper beim Tod abgelegt wird, tritt diese Form zutage. All die Taten, Charakterzüge, Zustände, das Wissen und die Bestrebungen haben sich zu einer Gestalt zusammengefügt. Der Mensch ist zur Form seiner Taten geworden. Das heißt, er ist gebunden an das, was er getan hat. Aber auch jetzt kann er noch Stufen des Wachstums und der Veränderung durchlaufen. Die Zeit im barzakh bereitet die Seele auf die Auferstehung vor. Ibn al-’Arabi vergleicht sie mit der Zeit des Embryos im Mutterleib.

Am Tage der Auferstehung wird der Mensch „neu geboren”. Einer der zahllosen Namen Gottes ist der Name „Licht”. Dieser Name wird nun wirksam, „so dass die Erde leuchten wird mit dem Licht des Herrn. Dann weiß die Seele, was sie getan und was sie unterlassen hat” (Koran 82:5). Alles wird ihr gegenwärtig sein, alles wird für sie durch das Licht entschleiert. In dieser „nächsten Welt” ist derjenige der Niederste, der sich in unserer jetzigen Welt erhöht hatte.

Wer nach der Auferstehung in den Paradiesgarten gelangt, dessen Situation wird durch seine eigenen Wünsche bestimmt. Was immer er sich vorstellt, wird entstehen. Jeder erbaut sich das Paradies nach seiner eigenen Vorstellung. So gelangt er von einer Form in die andere und kann die göttliche Unermesslichkeit immer tiefer ergründen. Der paradiesische Zustand ist von solcher Feinheit, dass diejenigen, die sich dort in einer bestimmten Gestalt zeigen, nicht daran gehindert sind, auch in anderen Gestalten aufzutreten. Die Seelen gelangen zu immer größerer Sicht; immer umfassender werden ihr Wissen, ihre Bewusstheit, ihre Glückseligkeit. Gott lüftet für sie in jedem Augenblicke einen neuen Schleier und zeigt Sein Gesicht in noch größerer Schönheit und Herrlichkeit.

Allerdings bauen sich die Menschen nicht nur Paradiese, sondern auch Höllen. Das Höllenfeuer ist ebenfalls nichts anderes als eine Verkörperung ihrer Taten und Gedanken. Die Menschen rufen es selbst auf, indem sie die in ihnen ruhende göttliche Gestalt nicht zur Offenbarung bringen. Auch in dem höllischen Feuer wirkt Gottes Barmherzigkeit. Denn Ziel dieses Feuers ist die Reinigung, das Abbrennen von allem, was dem Aufstieg der Seele im Weg steht.

Sowohl Himmel als auch Hölle haben göttliche Wurzeln. Sie beruhen auf den „beiden Händen” Gottes, mit denen er den Menschen geschaffen hat. Die Namen dieser beiden „Hände” sind Barmherzigkeit und Zorn. Der Prophet sagt in mehreren Aussprüchen (Hadithen), dass Gottes Barmherzigkeit vorherrscht. Dies sei „auf seinem Thron eingraviert”. Das bedeutet, der Zorn tritt hinter der Barmherzigkeit zurück, wenn sich die Geschöpfe Gott nähern. Man könnte sagen, dieselbe Kraft wandelt sich im Verlauf eines aufsteigenden Seelenweges vom „Zorn” (Gottferne) zur Barmherzigkeit (Gottnähe).

Wenn im Koran von der Ewigkeit der Hölle gesprochen wird, ist dies laut Ibn al-’Arabi so zu verstehen, dass das Feuer ewig ist, nicht aber der Aufenthalt der Seelen darin. „Wenn jemand das Feuer betritt, so wird es nur dazu sein, dass seine Abscheulichkeit vernichtet werden und seine Güte fortdauern kann.” Alles was existiert, muss zu seinen Wurzeln zurück, somit wird alles zurückgehen in das rein Gute.

Der „Tag” der Auferstehung ist laut Ibn al-’Arabi ein sehr langer Zeitraum; er dauert nach seiner Auffassung fünfzigtausend Jahre. Auch wenn alles zum rein Guten zurückkehren wird, so wird es auch hierbei unterschiedliche Zustände geben. Die Glückseligkeit wird auf unterschiedliche Weise erlebt, je nachdem, wie viele Schleier vor den Augen der Seelen gelüftet werden. Nach wie vor bringen sie unterschiedliche Namen Gottes zum Ausdruck. Und dazu gehören auch diejenigen, durch die sich das Allumfassende nur in bestimmten Begrenztheiten offenbart.

Die Gedanken und Zitate stammen im Wesentlichen aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

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