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Ibn al-’Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt

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Muhyi al-Din Ibdn al-’Arabi gehört zu den einflussreichsten Denkern der islamischen Geschichte. Er wurde 1165 in Murcia im muslimischen Spanien geboren und starb 1240 in Damaskus. Er hat etwa 500 Werke hinterlassen. Sein Hauptwerk, die „Mekkanischen Eröffnungen”, wird in einer neuen Ausgabe etwa 15000 Seiten füllen. Viele in der islamischen Tradition nennen ihn den „Größten Meister”.

Einige einführende Gedankensplitter aus der Gott, Mensch und die Welten umfassenden Lehre Ibn al-’Arabis, soweit sie die Glaubensrichtungen betreffen:

Gott selbst ist die Quelle aller Vielfalt im Kosmos. Auch die Unterschiedlichkeit der Glaubensrichtungen ist auf Gott zurückzuführen.

„Gott selbst ist das erste Problem der Vielfalt, welche im Kosmos manifest wurde. Das Erste, worauf jedes existierende Ding schaut, ist die Ursache seiner eigenen Existenz. In sich selbst weiß jedes Ding, dass es vorher nicht war und dass es durch zeitliche Entstehung ins Sein gebracht wurde. Freilich, bei diesem „ins Sein Kommen” sind die Veranlagungen für die existierenden Dinge unterschiedlich. Daher haben sie unterschiedliche Meinungen über die Identität der Ursache, die sie in die Existenz gebracht hat. Daher ist der Wirkliche (Gott) das erste Problem der Vielfalt im Kosmos.”

Jeder Prophet ist eine Quelle der Belehrung und ein Vorbild für menschliche Vollendung. Wer einem der Propheten folgt, kann von ihm ein „Erbe” erhalten, das drei Dimensionen besitzt: es besteht aus Taten, Zuständen und Wissen. Das Wissen beruht unter anderem auf der inneren Erfahrung dessen, was Wirklichkeit ist. Die Grundsätze aller Wirklichkeiten sind die „Namen Gottes”. Menschliche Bemühung kann einen Suchenden nur „bis zum Tor” bringen. Gott entscheidet, wann und ob Er das Tor öffnen will. Der sich Bemühende kann, wenn er leer ist von dem bisherigen toten Wissen, das Wissen vom Lebendigen Einen erhalten.

Die Vielzahl der prophetischen Enthüllungen ist in der Natur des Kosmos verwurzelt. Jeder tief Suchende durchläuft Stationen entsprechend dem Vorbild seines Propheten. Er kann im visionären Bereich, in der „Welt der Vorstellungskraft (Imagination)” Kontakt zu ihm erhalten, damit ihm das Tor geöffnet wird. Dem Menschen ist ein Weg aufgegeben, der ihn schließlich bis in die „Station von keiner Station” führt. Von hier aus wird er die Gültigkeit jeder Art menschlichen Wissens erkennen und zugleich die Beschränktheit jeder dieser Arten. Er erkennt jede Religion als sowohl richtig wie auch falsch. Er erlebt, warum die Dinge so sein müssen, wie sie sind. „Was die Enthüllung anbelangt, so lehnt sie nichts ab. Im Gegenteil, sie bestätigt alles auf der ihr eigenen Ebene.”

Bei alledem gibt es absolute Anforderungen, die an die Menschen durch die Natur des Wirklichen Gottes gestellt werden. Er ist die höchste Ursache, die sich in den Ebenen der Relativität zeigt. Ibn ’Arabi beschreibt einen Weg, die religiösen Lehren sowohl als historisch relativ wie auch als persönlich absolut zu sehen.

Er beschreibt neben der intellektuellen Erkenntnis die „Welt der Vorstellungskraft (Imagination)” als objektive Wirklichkeit. Sie ist wesentliches Element nicht nur des Geistes, sondern auch des Kosmos im weitesten Sinne. Wer die Funktion der Vorstellungskraft nicht verstanden hat, hat nichts verstanden, erklärt Ibn ’Arabi. Sie ist der Bereich der Seele, der den des reinen Geistes mit dem des Materiellen und Körperlichen verbindet. Durch die Vorstellungskraft wird der Kosmos offenbar. In der ihr eigenen Vielfalt kann die Seele ihren Weg gehen, der nach oben oder nach unten führt.

Inhalt und Zitate aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

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