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Ibn al-’Arabi – Den Schlüssel finden für den Aufstieg der Seele

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Ibn al-’Arabi (1165-1240) wird von vielen der „Größte Meister” genannt.

Er findet die Quelle seiner Erkenntnis im Koran und in den Hadithen (den Ausprüchen des Propheten). Eine wesentliche Rolle spielen für ihn die göttlichen Namen. 99 von ihnen sind in einer Liste aufgeführt und im islamischen Bereich allgemein anerkannt. Ihre Zahl ist indes unbegrenzt, weil jedem Geschöpf einer oder mehrere dieser Namen zugrunde liegen. Zu ihnen gehören zum Beispiel: Barmherzig, Gerecht, Großzügig, Geduldig, Verzeihend, Mild, Dankbar … In ihrer Gesamtheit bilden sie die göttliche Wirklichkeit. Diese wird wujud genannt und ist das Einzige, was Wirklich ist. Die Geschöpfe haben ihre Existenz nur als Leihgabe empfangen. Ihre große Aufgabe besteht darin, ihr Leben so zu führen, dass sie von der Wirklichkeit (von wujud) „gefunden werden”. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs wujud ist „finden”, „gefunden werden”. Wenn das geschieht, wird der Mensch zu einem „Gefäß” für die Offenbarung einzelner oder mehrerer göttlicher Namen. Nur vollkommene Menschen offenbaren die göttlichen Züge gänzlich. Von ihnen wird gesagt, dass sie in „Gottes Form” geschaffen sind. Auf dem Weg dorthin gibt es viele Arten, Ebenen und Grade der Vollkommenheit.

Wirkliches Wissen setzt voraus, dass Gott erkannt wird und dass die Dinge des Kosmos mit einer Sicht auf ihre Herkunft von Gott erkannt werden. Ein solches Wissen bindet die Erscheinungen an ihre Wurzel, an ihre Erste Ursache. Nur so lässt sich die innere Bedeutung der Dinge erkennen. „Wir werden ihnen Unsere Zeichen überall auf Erden und in ihnen selbst zeigen”, heißt es im Koran (41:53). Unter diesem Gesichtspunkt ist das meiste von dem, was in unserer heutigen Welt als Wissen gilt, nur eine Verschleierung, ein Ausdruck des Abgeschnittenseins von der Wirklichkeit.

Dem Menschen ist es aufgegeben, die göttlichen Namen nicht nur zu erwecken, sondern bei ihrer Verwirklichung Harmonie und Gleichgewicht herzustellen. Keine der göttlichen Eigenschaften darf eine zu große oder zu kleine Rolle spielen. Nur so wird die „göttliche Form” im eigenen Innern verwirklicht. Ansonsten wird sie verzerrt und die Entfernung von Gott wächst. Die göttlichen Namen gleichen ursprünglichen Farben, die im unendlichen Licht der Einen Wirklichkeit gefunden werden. In ihrem Verhältnis zueinander sind sie widersprüchlich, wie es unterschiedliche Farben eben sein können (rot, grün, gelb …).

Es gibt den göttlichen Namen des Vergebenden und den des Rächenden, des Barmherzigen und den des Zornigen, des Lebensspendenden und den des Todbringenden, des Erniedrigenden und den des Erhöhenden. Der Mensch ist zu einer Lebensführung und einem Lebenszustand gerufen, bei denen keine besondere Eigenschaft über eine andere vorherrscht. Hier hat er Verantwortung zu tragen, vor Gott, vor anderen Menschen, vor sich selbst. Hilfe hierzu erhält er nach Ibn al-’Arabi durch den Koran und die Hadithe, die Worte des Propheten.

Alle Dinge im Kosmos sind Auswirkungen der göttlichen Namen. Die Namen stellen die Beziehungen her zwischen der Einen Wirklichkeit und den einzelnen Dingen der Schöpfung Letztendlich gibt es nicht eine Vielzahl existierender Dinge, sondern nur eine Vielzahl der Beziehungen. Es gibt im Kosmos keine festen Wesenheiten, sondern nur den Fluss wechselnder Zuordnungen. Alles ist mehrdeutig und erscheint in jedem Moment, in jeder Situation anders. Es gibt keine Essenz der Dinge, sondern nur immer neue Spiegelungen der göttlichen Namen. Sie sind die Essenz.

Der Aufstieg der Seele wird möglich, wenn der Mensch die grundlegende Armut aller Dinge und auch seiner eigenen Wesenheit tiefgehend erkennt. Er kann sich dann dem Einen Wirklichen ganz hingeben. Vor Ihm, der in seinem eigenen Inneren ruht, löscht sich der vollkommene Diener aus. Er besitzt nichts Eigenes mehr. Er kann sich selbst keine Eigenschaft mehr zuordnen, außer die der Unwissenheit. Er tritt ein in die „Erinnerung” (dhikr). Die in ihm aufsteigenden Eigenschaften siedelt er nicht in sich an, sondern erkennt sie als Ausflüsse der göttlichen Namen. Indem er die Illusion seiner Selbstheit aufgibt, wird die Selbstenthüllung der Einen Wirklichkeit in ihm und durch ihn möglich. Er lässt die „Gesichter” aufscheinen, durch die sich Gott der Schöpfung zuwendet. Ein solcher Mensch handelt in jeder Situation so, wie es die Situation verlangt, gemäß der Eingebung durch die Eine Wirklichkeit.

Die Gedanken und Zitate stammen im Wesentlichen aus:

William C. Chittick, Bildhafte Welten – Ibn al-’ Arabi und die Frage der religiösen Vielfalt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Peter Finckh, Edition Shershir, Norderstedt 2015

Abb.: Andromeda-Galaxie by Boris Stromar

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