Poesie Lyrik

Vom Unsterblichen Aus Hölderlins Hyperion

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Friedrich Hölderlin (1770-1843) verfasste in den Jahren 1797 und 1799 den Briefroman Hyperion.

Hieraus ein Auszug:

Hyperion zu seinem Freund Bellarmin:

Weißt du, warum ich nie den Tod geachtet?

Ich fühl in mir ein Leben, das kein Gott geschaffen,

und kein Sterblicher gezeugt.

Ich glaube, dass wir durch uns selber sind,

und nur aus freier Lust

so innig mit dem All verbunden.

So etwas hab ich nie von dir gehört, erwidert ich.

Was wär auch, fuhr er fort, was wär auch diese Welt,

wenn sie nicht wär ein Einklang freier Wesen?

Wenn nicht aus eignem frohen Triebe

die Lebendigen von Anbeginn in ihr zusammenwirkten

in  EIN  vollstimmig Leben —

wie hölzern wäre sie, wie kalt?

Welch herzlos Machwerk wäre sie?

So wär es hier im höchsten Sinne wahr, erwidert ich,

dass ohne Freiheit alles tot ist?

Ja wohl, rief er, wächst doch kein Grashalm auf,

wenn nicht ein eigner Lebenskeim in ihm ist!

Wie viel mehr in mir!

Und darum, Lieber!

Weil ich frei im höchsten Sinne,

weil ich anfangslos mich fühle,

darum glaub ich,

dass ich endlos, dass ich unzerstörbar bin.

Hat mich eines Töpfers Hand gemacht,

so mag er sein Gefäß zerschlagen,

wie es ihm gefällt.

Doch was da lebt, muss unerzeugt,

muss göttlicher Natur in seinem Keime sein,

erhaben über alle Macht, und alle Kunst,

und darum unverletzlich, ewig.

Jeder hat seine Mysterien, lieber Hyperion! –

seine geheimern Gedanken;

dies waren die meinen;

seit ich denke.

Was lebt, ist unvertilgbar,

bleibt in seiner tiefsten Knechtform frei, bleibt Eins

und wenn du es scheidest bis auf den Grund,

bleibt unverwundet

und wenn du bis ins Mark es zerschlägst,

sein Wesen entfliegt dir siegend unter den Händen.

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