Philosophie

Heinrich Khunrath

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Im Jubiläumsjahr 2014 zum Erstdruck der Fama Fraternitatis erschien ein außerordentlich reichlich bebilderter Ausstellungskatalog der Bibliotheca Philosophica Hermetica. Lesen Sie hier einen Artikel über Heinrich Khunrath, aus dessen Feder noch viele Dokumente die Jahrhunderte überlebt haben.  Zu beziehen ist das Buch beim DRP – Rosenkreuz – Verlag für 30,00 €. Bestellung hier:

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Die Hauptquelle für Khunraths Leben ist das, was er uns selbst im Amphitheatrum und anderen Werken mitteilt, so zum Beispiel in Vom hylealischen Chaos. Khunrath (1560-1605) wurde wahrscheinlich in Leipzig geboren. Schon im Alter von fünfzehn Jahren zog es ihn zu Studium und Praxis der Alchemie „in officino Vulcani”, in die Vulkanwerkstatt, wie er sie poetisch genannt hat. Alchemie war eine teure Angelegenheit, jedoch hatte Khunrath offensichtlich die finanziellen Möglichkeiten, um in der Vulkanwerkstatt zu praktizieren. Begierig las er auch die Werke von Theosophen, Kabbalisten, Magiern und Physik-Chymisten – zweifellos die Werke von Paracelsus und seinen Nachfolgern, mit Sicherheit auch die Werke von Johannes Reuchlin. Er kopierte Trithemius” berühmten Katalog der Magie, Antipalus maleficiorum und scheint selbst ein wunderschönes alchemisches Manuskript mit vielen farbigen Bildern produziert zu haben, welches leider nicht mehr vorhanden ist. Er unternahm weite Reisen, traf Leute jeder Art, besuchte Bibliotheken, Museen und Laboratorien berühmter Menschen. Auch war er selbst ein Sammler, der seltsame und exotische Objekte, Bilder und Manuskripte anhäufte. Er war Absolvent der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, wo er seine Doktorarbeit über die „Signatur der natürlichen Dinge” – ein ausgesprochen Paracelsistisches Thema – schrieb. Am 3. September 1588 erwarb er – sowohl praktisch als auch theoretisch – seinen Abschluss in Medizin. Khunrath muss eine Weile in Bremen gelebt haben, da er den großen Renaissance Magier John Dee dort 1589 getroffen hat, ein Treffen, das Dee kurz in seinem Tagebuch erwähnte: „6. Juni, Dr. Kenrich Khanradt aus Hamburg besuchte mich.” Später war er als Arzt aktiv: in Prag um 1593, in Hamburg bis 1597, Magdeburg ab 1598, in Berlin und Dresden. In Prag trat er in die Dienste von Graf Vílem z Rožmberka zu T?ebon und Prag und wurde dessen Leibarzt mit einem Jahresgehalt von 200 Talern. Er besaß auch drei Pferde und konnte sich auf die Dienste von vier Dienern verlassen. Während er in Hamburg als Mediziner praktizierte, gab er seinem Freund Johann Grasse, Autor von alchemischen und magischen Werken, ein „sigillum Hermetis”, ein hermetisches Siegel, wahrscheinlich ein magisches Diagramm. Unter seinen vielen Briefpartnern war der lutherische Pastor Johann Arndt (1555-1621), der der Meinung war, dass Bilder göttliche Geschenke seien, die durch Träume und Prophetie zum Menschen kämen, und dass sie die ersten Hieroglyphen der Weisheit enthüllten, die Gott in der Natur verborgen hat. Arndt lieferte auch eine Erklärung (Iudicium) zu den vier runden Tafeln des Amphitheatrums, welche aufgenommen wurden in Khunraths De igne magorum. Khunraths Amphitheatrum, aufgenommen wurden, das erstmals 1595 in Hamburg erschien und von dem nur noch fünf komplette Exemplare existieren.  Diese Ausgabe enthält nur die vier runden Stiche, die in zwei von den erhaltenen Exemplaren mit der Hand koloriert sind. Als Khunrath am 9. September 1605 starb, betraute er seinen Freund, den Herausgeber Erasmus Wolfart, mit der Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die erweiterte Ausgabe seines Werkes in Druck ginge.

Heinrich Khunrath: Porträt des Autors als Theosoph

Als schließlich Khunraths Amphitheatrum sapientiae aeternae 1609 in einer erweiterten Ausgabe in Druck ging, war ein Porträt des 42-jährigen Autors beigefügt, in welchem Khunrath sich selbst beschrieb als „Heinrich Khunrath aus Leipzig, treuer Verehrer der Theosophie und Doktor der praktischen und theoretischen Medizin”. Dieses Porträt wurde graviert von Johann Diricks van Campen, der auch die fünf rechteckigen Kupferstiche für die zweite Ausgabe des Amphitheatrum schuf. Heinrich Khunrath wollte, dass er so porträtiert wurde: mit seinem Hund (auch ein gebräuchliches Symbol für Treue) an seiner Seite, in seiner rechten Hand ein Zirkel, der – fertig zum Gebrauch – über einem Blatt Papier schwebt, auf dem zwei Worte geschrieben stehen: „Deo duce” – Gott zeigt den Weg. Mit seiner linken Hand scheint er auf sich selbst zu zeigen: Die Geste lässt darauf schließen, dass Gott Khunrath den Weg zeigt. Sowohl Heinrich als auch sein kleiner Hund schauen uns, die Betrachter, an und lassen uns an diesem innigen Moment teilhaben: Wir werden in die Welt des Autors hineingezogen. Vor Khunrath liegt ein Psalmenbuch, aufgeschlagen bei Psalm 71, Vers 17: „Gott, du hast mich von Jugend auf gelehret, darum verkündige ich deine Wunder”. In gewisser Weise ist es das, worum es im Amphitheatrum sapientiae aeternae, diesem Amphitheater oder Schauplatz Ewiger Weisheit, geht: Es ist die jubelnde Verkündigung der göttlichen Schöpfung und des Menschen Platz in ihr. Auf der linken Seite, unter dem Oval mit dem Porträt, liegen eine Anzahl Bücher oder Zweige des Wissens, die für Khunrath wesentlich waren, als da sind: „Alchymia”, „Magia”, „Kabala”, „Historia”, „Biblia”, wobei die Bibel als Fundament der anderen dargestellt wird. Auf Khunraths rechter Seite werden die Werkzeuge des alchemischen Labors sowie alchemische Behälter gezeigt. In der oberen rechten Ecke finden sich die Worte „sufficiat tibi gratia mea” eingraviert unter dem Tetragrammaton, ????: „Meine Gnade soll Dir genügen.” Diese Worte sind dem 2. Korintherbrief, Vers 12 entnommen, in dem der Apostel Paulus davon Zeugnis ablegt, wie Gott ihn davor bewahrt hat, unangemessen stolz darauf zu sein, Visionen und Offenbarungen erhalten zu haben:

Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich drei Mal zum Herrn gefleht, dass Satans Engel von mir weiche. Und der Herr hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Hat Khunrath hier auf die Offenbarungen hingewiesen, die er selbst empfangen hatte? Die Kupferstiche, einschließlich der gestochenen Titelseite laden den Leser oder Beobachter ein, sich in „genauem Lesen” zu üben, und es kann sein, dass Paulus‘ Worte auf der Titelseite somit die Erfahrungen wiedergeben sollten, die Khunrath selbst gemacht hatte.

Unterhalb des Porträts von Khunrath befindet sich die akrostichische Aussprache des Wortes „Consilium Dei” oder Rat Gottes. Der Lobpreis stammt von Andreas Riccius von Hilperhausen in Hessen, einem der wenigen offenen Unterstützer Khunraths in der Lutherischen Orthodoxie. Wenig ist bekannt von Riccius, außer dass er ein „Lehrer” aus Hessen war, der im Jahr 1600 einen Abschluss in Philosophie der Universität Wittenberg erworben hatte. Er war auch ein Freund von Khunrath, wie sich der Theosoph in seinem Werk Vom hylealischen Chaos selbst bezeichnete. Das akrostichische Consilium Dei, ist gleichzeitig ein Wortspiel mit Khunraths Namen. Das Wort „Rath” bedeutet im Deutschen „consilium”, wie in einer der Zeilen des Gedichtes zu lesen ist: „Magnus Consilio, celebraret Dona Iehovae” – Khunrath war ein guter Ratgeber und zelebrierte die Gaben des Herrn.

Kabbala, Magie und Alchemie: Die drei wesentlichen Teile des Amphitheatrum Sapientiae Aeternae

Das Amphitheatrum ist in erster Linie ein visuelles Medium, ein wirkliches Amphitheater – ein Ort, an dem man die Schöpfung im Rund schaut und feiert. Khunrath, der selbst ein sehr geschickter Zeichner war, entwarf alle die Bilder, die dann von Hans Vredeman de Vries gezeichnet und von Paulus van der Doort gestochen wurden, wie Khunrath selbst in seinem Werk Vom hylealischen Chaos erklärt hat.

Es war Khunraths frühester „Rezensent”, der lutherische Theologe Johannes Arndt, der feststellte, dass das Amphitheatrum die drei Hauptsäulen der paracelsistischen Naturphilosophie in Bildform darstellt: Christliche Kabbala, Alchemie und Magie. Khunrath bezeichnete sich in dem von Johan Diricks van Campen gestochenen Porträt sowie in den meisten anderen Kupferstichen des Amphitheatrum selbst als wahrer Verehrer der Theosophie. Als treuer Theosoph wollte Khunrath seinen Lesern den Weg zum Wissen Gottes durch das Erforschen der Geheimnisse der Natur weisen – es war der gleiche Drang, der auch die Rosenkreuzer-Bruderschaft motivierte. Theosophie, ein griechisches Wort, wurde normalerweise wie folgt ins Lateinische übertragen: „sapientia divina”, göttliche Weisheit; sie wurde im sechzehnten Jahrhundert immer mit Paracelsus in Zusammenhang gebracht. Auch Arndt benutzte das Wort „Theosophie”; er rief seine Zeitgenossen auf, die „Papierstudien” hinter sich zu lassen und sich stattdessen um die Erforschung der „lebenden Bücher” zu kümmern, nämlich um das Wort Gottes und die Natur.

Khunraths Kabbala war nicht die hebräische Kabbala, wie sie es für Johannes Reuchlin, den christlichen Kabbalisten war, den Khunrath sehr bewunderte und auf den er auch in seinen Kupferstichen anspielte. In der Nachfolge von Paracelsus bezog sich Khunraths Verständnis der Kabbala auf die natur-magische Anwendung, obwohl seine Amphitheatrum-Kupferstiche übersät sind mit hebräischen Worten und Konzepten wie z. B. die Sefirot. In diesem Sinne beschreibt auch Martinus Rulandus (1532-1602), ein deutscher Arzt und Alchemist, der ein Lexikon der Alchemie zusammenstellte und paracelsistisches Vokabular erklärte, das 1612 posthum veröffentlicht wurde, die Kabbala:

Cabala, cabalia (…) ist eine sehr geheime Wissenschaft, der man nachsagt, sie sei Moses in göttlicher Weise zugleich mit dem geschriebenen Gesetz übertragen worden; sie bringt uns die Lehre von Messias, dem Gott; sie begründet das Band der Freundschaft zwischen Engeln und den Menschen, die darin unterwiesen wurden; und sie eröffnet uns das Wissen über alle natürlichen Dinge. Sie erleuchtet auch den Verstand mit einem göttlichen Licht. (…) Deshalb ist diese Kunst für manche Menschen nicht etwa Torheit, sondern eine wahre und himmlische Wissenschaft durch die Theophrastus [Paracelsus], wie er uns selbst erzählt, durch Gottes Gnade seine eigene Lehre entwickelt hat.

Khunrath betrachtete die Magie als natürliche und göttliche Wissenschaft, die den Menschen in die Lage versetzt zu verstehen, wie das Universum funktioniert und wie der Austausch zwischen dem, was oben und dem, was unten ist, sich selbst manifestiert. Durch das Verstehen der kosmischen Prozesse wäre es demnach möglich, diese zu beeinflussen. In der Renaissance wurde die Magie als Mittel wiederentdeckt, um in Kontakt mit der übersinnlichen Welt zu kommen. Martinus Rulandus erklärte Magie folgendermaßen:

… ein persisches Wort; im Lateinischen ist es Sapientia, d.h. Weisheit. Sie ist von zweifacher Art. Die erste ist natürlich und durchlässig, die Mutter der wahren Medizin, die geheime Überlieferung der Natur, verborgen und heimlich in jedem Mittelpunkt vorhanden, ist sie, verglichen mit der menschlichen Vernunft, reine Dummheit. (…) Sie ist wirklich ein Geschenk Gottes, das uns das Wissen der überirdischen Dinge darlegt, und nicht von der dämonischen Inspiration kommt, worin keine Vollkommenheit oder Anweisung ist. Die andere Magie ist ungesetzlich, abergläubig und wird von der gesamten christlichen Kirche verboten.

Khunrath empfand die Alchemie als wertvollstes Mittel, die Natur als Werk Gottes zu erforschen und die Verbindungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos zu untersuchen. Schon in jungen Jahren praktizierte er Alchemie und wurde anschließend paracelsistischer Arzt, etwas, das er mit der inspirierenden Kraft des „Tübinger Kreises” um Tobias Hess gemeinsam hatte. Die Arbeit der „Physik-Chymisten”, ein Wort, das auch auf der programmatisch eingravierten Titelseite der Ausgabe von 1609 erschien, nannte er „vere Sapientium”, Arbeit der wirklich Weisen. Alchemie war keine Kunst, die an Universitäten gelehrt wurde, wie Khunrath im Amphitheatrum darlegt:

Der mindeste Teil dieser Dinge (das ist die Alchemie) wird weder gelehrt noch gelernt in den Universitäten der Akademiker. Wir sollten in der Universität Gottes, peripatetisch, d. h. circumambulatorisch studieren und lernen. Dies ist die wunderbare Methode oder die Art und Weise, in welcher der glorienvolle Gott mir diese Dinge gegeben hat.

Mit seinem Beharren auf der „Erfahrung durch Erleben” ging er völlig konform mit den Prinzipien der Rosenkreuzer-Bruderschaft.

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