Religion Spiritualität

Heilende Impulse

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Bereits im Altertum gab es Berichte über die Erweckung vom Tod und die Heilung von Krankheiten durch Musikklänge. So finden sich viele Zeugnisse und Legenden über spektakuläre Totenerweckungen und spontane Genesungen.

Orpheus erhielt die Erlaubnis, Eurydike aus dem Totenreich herauszuführen. Seine siebensaitige Lyra hatte die Widerstände der Furien und Larven, also der unterschiedlichen Kräfte des Hades/Jenseits, umstimmen können. In den orphischen Texten heißt es:

Der göttliche Funke,

der uns auf die Erde leitet,

ist in uns.

Er ist gleichsam Fackel im Tempel

oder Leitstern im Himmel.

Hört, wie sie zittert,

die Lyra mit den sieben Saiten.

Sie bringt die Welten in Bewegung.

Höret mit Andacht!

Möge der Ton euch durchdringen.

Die Tiefen des Himmels werden sich durch den Klang öffnen.

Im Alten Testament wird beschrieben, wie ein böser Geist über Saul kam. Wenn das geschah, „nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul und es ward besser mit ihm”. (1. Samuel 16, 23)

Und aus der Barockzeit gibt es eine Überlieferung über den russischen Gesandten am Dresdner Hof, den Grafen Keyserlingk. Er beschäftigte einen jungen Cembaloschüler namens Goldberg. Keyserlingk litt an Schlafstörungen und Unwohlsein. Einmal bat er Johann Sebastian Bach, ihm einige Stücke für Tasteninstrumente zu komponieren, leichte, fröhliche Stücke, die ihn in den schlaflosen Nächten aufmuntern sollten. Bach schuf für Keyserlingk (und die Nachwelt) ein außerordentliches Werk, die sogenannten Goldbergvariationen (BWV 988). Der Graf nannte sie „meine Variationen”. Häufig sagte er: „Mein lieber Goldberg, spiel er mir eine meiner Variationen.” Nie wieder in seinem Leben wurde Bach so großzügig entlohnt: Er erhielt einen goldenen Becher mit 100 Luisdor.

Diese drei Beispiele mögen verdeutlichen, dass Heilung und Wiederbelebung durch Klänge eine altbekannte Tatsache ist.

Musik ist Teil der geistigen Sphäre. „Am Anfang war das Wort”, so das Johannesevangelium, der eine Klang. Ist es denkbar, dass auf der geistigen Ebene das Schöpfungswort auch heute noch erklingt? Die Musik – wenn sie eine Folge davon ist –, könnte dann den jeweiligen Stand der Evolution anzeigen. In der physischen Welt klingen die Töne nacheinander, im Geistigen konzentrieren sie sich im einen, alles umfassenden „Wort”. Die Einheit entfaltet ihren Reichtum in einem Universum von Klängen. Wenn das Geistige sich mit dem Seelischen verbindet, werden Schöpfungsinformationen aufgenommen. Die Seele wird „ganz Ohr” und lernt, das schöpferische Wort auszusprechen, den Urklang umzusetzen, die Harmonie der ursprünglichen Einheit weiterzutragen.

In den Upanischaden wird gesagt: „Das Ohr ist der Weg.” Und Rudolf Steiner erklärt: „Man muss ins Geistige hinein, wenn man das Musikalische begreifen will.”

Wie ist es bei der Geburt auf der stofflichen Ebene? Der Fötus im Mutterleib nimmt Klänge wahr. Die Stimme der Mutter, die Geräusche in ihrem Leib – damit beginnt die „Urprogrammierung”. Hinzu kommen Klänge von außen: die Stimme des Vaters, Wiegenlieder, Musikklänge und weitere Umgebungstöne. Später wird das Kind sich aus der Vielfalt dieser Informationen eine eigene Wahrnehmungsstruktur aufbauen. Töne werden mit angenehmen oder auch bedrohlichen Umständen verknüpft. Eine Fülle von Klängen fügt sich zu einem Muster zusammen.

Klänge beeinflussen auch die hormonausschüttenden Drüsen. Die Ausgießung des Zirbeldrüsen-Hormons Melatonin kann angeregt werden; es wirkt beruhigend, erregungsdämpfend, unter Umständen auch deprimierend. Andere Hormonaktivitäten, beispielsweise durch Dopamin, sind verantwortlich für Vergnügen, Lebensfreude und Wohlbefinden. Musik kann die gesamte Bandbreite der Empfindungen von Liebe bis Hass auslösen.

Die alten Tibeter und Nepalesen haben mit den Schwingungen von Klangschalen Kontakt zu ihren verstorbenen Ahnen aufgenommen.

All das lässt die Aussage zu, dass wir auf unserem Weg durch Zeugung, Geburt, das Leben im stofflichen Körper und den Tod fortwährend an einer Klangstruktur unserer Existenz arbeiten.

Das Ohr stirbt als letztes Organ. Es nimmt auch noch wahr, wenn medizinisch der Tod bereits eingetreten ist. Wahrscheinlich liegt dies an der physischen Konstruktion des Cortischen Organs: Hörknöchelchen bewegen sich auch ohne Bewusstsein.

Auf ein besonderes Phänomen, das allgemeine Stimmungen intensiv verstärken kann, sei noch hingewiesen. Es sind die Tierstimmen, insbesondere die der Vögel. Den gefiederten Begleitern unseres Lebens steht ein ausgeprägtes und differenziertes Klangrepertoire zur Verfügung. Ein ängstlicher Piepser oder ein bedrohliches Krächzen kann unmittelbar auf den Menschen Einfluss nehmen. In gleicher Weise verzaubert der Ruf der Kraniche Anfang des Jahres und vermittelt: der Winter ist überwunden. Auch die ersten Meisentöne beglücken und man hört und riecht gleichzeitig den Frühling.

Mewlana Rumi (1207-1273), einer der großen Mystiker des Islam, empfiehlt:

Horch mit den Ohren der Seele

den zahllosen Tönen

lege deiner Seele Ohr ans Fenster des Herzens

und empfange die geheimen Botschaften.

Foto: Hermann Achenbach - Viola der Medici Florenz
1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Lieber Hermann,
    das ist ein wunderbar informierender, fast lyrischer Text. Im zu folgen ist eine Freude. Danke!

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