Rosenkreuz

Giordano Bruno und die Einheit des Universums

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Die Auseinandersetzung mit dem Naturphilosophen Giordano Bruno (1548-1600) gibt Impulse und Denkanstöße, die an die Fundamente der neuzeitlichen Naturwissenschaft rühren. Brunos gesamtes philosophisches Wirken kreist um den Gedanken der Einheit der Natur. Von ihm aus gelangte er zu einer Fülle naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, ohne jemals ein Experiment durchgeführt zu haben. Bruno macht die Notwendigkeit einer kosmischen, das heißt letztlich metaphysischen und vom Absoluten ausgehenden Grundlegung der physikalischen Erfahrungswelt deutlich. Für das heute herrschende Bewusstsein der Forscher erscheint dies als eine kaum erfüllbare Voraussetzung.

Im Einklang befindet sich Bruno mit einer Rosenkreuzerschrift aus dem Jahre 1785, den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Danach bedarf Naturerkenntnis auch der Intuition aus dem Göttlich-Geistigen. In der Form eines Gebetes heißt es: „Herr, … du hast mit deinen Fingern den Charakter der Natur geschrieben, niemand kann ihn lesen, er sei denn in deiner Schule gewesen.  … Denn alles ist aus dir und gehöret allein dir, und alles muss wieder zu dir, … nichts kann dir entfallen, es muss alles zu deiner Ehre und Herrlichkeit dienen.”

Galileo Galilei (1564-1642) steht als Schlüsselfigur am Anfang der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Er formulierte seine Werke im Wesentlichen nach Brunos gewaltsamem Tod auf dem Scheiterhaufen. Auch Galilei sah sich existenzieller Bedrohung durch die Kirche ausgesetzt. Das veranlasste ihn wohl dazu, Naturerkenntnis auf das Messbare, Sichtbare und mathematisch Darstellbare einzugrenzen. Er sagte: „Die Philosophie ist in dem großen Buch niedergeschrieben, das vor unseren Augen immer offen liegt, ich meine das Universum. Aber wir können es erst lesen, wenn wir die Sprache gelernt haben und mit den Zeichen vertraut sind, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren; ohne diese Mittel ist es einem Menschen unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu verstehen.” (zit. bei Kirchhoff, Giordano Bruno, S. 17)

Die moderne Naturwissenschaft verbannte alles Göttliche oder Metaphysische aus ihren Forschungen. Die Mathematik wurde zum zentralen Erkenntniswerkzeug, zum Metaphysik-Ersatz. Die höchste aller Qualitäten, das Leben selbst, war damit aus der Naturwissenschaft vertrieben. Die Lehre Giordano Brunos, dass der Kosmos, das Universum, ein einziger großer Organismus sei, war nicht mehr nachvollziehbar. Der Gedanke einer lebendigen Ganzheit und Einheit der Natur ist mit dem mathematischen Naturgesetz nicht vereinbar. Es kann keinen Begriff vom Ganzen bilden. Der Kosmos wird als ein Mechanismus begriffen. Bruno hingegen formuliert: „Das Universum ist ein einziges Kontinuum”, in dem ein Zusammenwirken von Materie, Weltseele und universeller Vernunft stattfindet.

Es geht Bruno um die Angleichung des eigenen Innern an die Harmonien und göttlichen Ordnungen des Kosmos. Im Alter von 30 Jahren hatte er ein Erleuchtungserlebnis, auf das er den Umfang seiner philosophischen Erkenntnis letztlich zurückführt. Er sieht das Universum als einen „Schatten der Ur-Wirklichkeit und des Ur-Vermögens” und kennt keine Trennung von Physik und Metaphysik. In jedem Einzelphänomen spiegelt sich nach ihm die lebendige Ganzheit wider. Auch die moderne Physik sucht nach Einheit. Sie hofft, sie in einer „einheitlichen Naturkraft” zu finden. Sie würde sich als mathematische Abstraktion darstellen, die seelisch nicht erlebbar ist. Für Bruno ist Einheit dagegen kein abstrakter Begriff, sondern ein von der Weltseele und dem göttlichen Geist durchwirktes Ganzes.

Er weist auf die unaufhörliche Veränderung, den ständigen Wandel aller Dinge hin, der dazu führt, dass jedes sich selbst und anderen in jedem Augenblick ungleich ist. Deshalb können, so Bruno, die mathematisch formulierten Naturgesetze keine allgemeingültige Geltung haben. Wegen des fortwährenden Wandels der Dinge kann es laut ihm keine physikalischen Konstanten geben. Das Prinzip der Abstraktion, das die heutige Naturwissenschaft anwendet, führt dazu, lebendige, letztlich urphänomenale Zusammenhänge zu zerschneiden und in einem spekulativen Denkprozess zu trennen, was untrennbar ist. Das gilt auch für Zeitangaben, etwa für das Alter der Erde oder des Kosmos. Sie beruhen auf der unzulässigen Verallgemeinerung momentan beobachteter Phänomene.

Bruno spricht davon, dass es ebenso viele Zeiten gibt, wie es Sterne gibt.

Im Augenblick einer blitzartigen Intuition kann der Mensch heraustreten aus der Relativität und dem begrenzten Erkenntnisvermögen. Er erlebt dann, wie jede Trennung von Subjekt und Objekt aufgehoben ist und schaut „das Ganze wie ein Einziges und sieht nicht mehr durch Unterscheidung und Zählung.” (in: Die heroischen Leidenschaften)

Die Gedanken sind entnommen aus:

Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno, rororo Monographie, 8. Auflage, 2000

Foto von Hermann Achenbach: Brunodenkmal in Rom - Bruno nimmt das Urteil der Inquisition entgegen.
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