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Als wir frisch geboren waren …

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Als wir frisch geboren waren, mussten wir noch nichts darstellen. Wir waren einfach da. Wir waren, der wir waren. Keine Eigenschaft spielte für uns eine Rolle, wir dachten nicht nach, identifizierten uns nicht mit dem oder jenem. Unsere Augen schauten ins Weite, in eine andere Dimension, sie fokussierten nichts, waren ins Unendliche gerichtet. Wir waren Ausdruck einer wundersamen Tiefe.

Das blieb nicht so. Wir wurden in die Welt gezogen und verloren uns an Dieses und Jenes, verbanden uns mit dem einen oder anderen, wurden zu irgendetwas, zu irgendwem, und dies auf immer neue Weise. Wer immer wir waren, wer immer wir sind, stets war/ist es weit entfernt von dem, der wir zu Beginn waren und der wir eigentlich immer noch sind.

Nun könnte es Sinn des Lebens sein, uns selbst zu erringen, unser Bewusstsein erwachen zu lassen in unserem vollständigen Selbst, unserer eigentlichen Identität.

Abu Hamid Muhammad Ibn Ahmad al-Ghazali (1058-1111) war ein berühmter Theologe des Islam. Zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens vollzog er eine Wende zur Mystik und Gnosis. Er schreibt über das Wesen der mystischen Erfahrung:

„Für diese [die Gnostiker] wurde die Vielheit völlig undenkbar, denn sie versenkten sich in die reine Einzigkeit, in der sie ihren Verstand verloren. So erstarrten sie beinahe und gewährten keinem anderen als nur der Erwähnung des Namens Gottes einen Platz, noch nicht einmal dem Gedanken an sich selbst, für sie gab es nichts anderes als Gott. …

Als sie dann aus ihrem Rausch erwachten und ihr Verstand, der der Maßstab Gottes auf Erden ist, wieder Besitz von ihnen ergriff, erkannten sie, dass dies nicht die wahrhafte Identität mit Gott ist, sondern ihr nur nahe kommt, ähnlich der Aussage der Verliebten im Zustand großer Verliebtheit, wenn es heißt: ‚Ich bin ja der, den ich liebe, und der, den ich liebe, bin ich. Zwei Seelen sind wir, die sich in einem Körper vereinigen!’

Wenn dieser Zustand jedoch andauert, wird er in Bezug auf denjenigen, der ihn erlebt, Erlöschen (fana) genannt; ja sogar ‚Erlöschen des Erlöschens’ in Gott, weil sein Selbst erlischt und er in seinem Erlöschen in Gott erlischt, denn in diesem Zustand empfindet er weder sein eigenes Bewusstsein noch die Unbewusstheit seines Bewusstseins. … Dies wird in Bezug auf denjenigen, der sich in diesem Zustand befindet, in einem metaphorischen Sinn ‚Identität’, oder in der Sprache der Realität ‚Vereinigung’ genannt.”

Die mystische Erfahrung – ist sie ein Weg, auf dem wir uns selbst erringen? Ist sie die Vollendung des äußeren Weges durch die Welt? Und: Bedeutet sie die Überwindung der Gegensätze zwischen den Religionen?

Hierzu veranstaltet die Stiftung Rosenkreuz das Symposium: Die Tiefe des Gemeinsamen. Mystik – Wo sich Islam und Christentum die Hand reichen am 29. und 30. Oktober in Calw.

(Das Zitat von Al-Ghazali stammt aus: Georg Günter Blum, Die Geschichte der Begegnung christlich-orientalischer Mystik mit der Mystik des Islam, Wiesbaden 2009, S. 606 f.)

1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Wunderbare Gedanken zum sich Finden.
    Ein anregendes Symposium wünscht, Gisela

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