Poesie Lyrik

Ach, das Gespenst des Vergänglichen

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Ach, das Gespenst des Vergänglichen,
durch den arglos Empfänglichen
geht es, als wär es ein Rauch
 
so heißt es in Rilkes Sonetten an Orpheus.
 
Als „arglos Empfängliche” sind wir bleibend. 
Arglos empfänglich – das ist der Andere in uns.
 
Alles hat seine Zeit.
Das Ewige gebiert die Zeit. Der arglos Empfängliche gestaltet uns. Er offenbart sich mit Hilfe der Zeit – in uns.
 
Zeit ist Bewegung. In jeder Bewegung ist Unbewegtes, auch: Weniger-Bewegtes, Kaum-Bewegtes.
Ewigkeit und Zeit können nahtlos ineinander übergehen. Die Zeit webt „der Gottheit lebendiges Kleid” (Faust).
 
Wir sind der Gottheit lebendiges Kleid. Als Heranreifende sind wir Zeit. Zeit ist mehr als das Zählbare und Messbare. Sie ist inhaltliches Werden, Bewusstwerden, Entwicklung, Geschichte. Der arglos Empfängliche ermöglicht Reifung. Das geschieht, indem er sich immer umfassender in uns spiegelt.
 
Wir kreisen um Ihn als Peripherie um den Punkt in der Mitte. Er gibt uns Impulse, uns Ihm zu nähern, spiralenförmig. Sein „ICH bin” erklingt als Stimme der Stille. Sie erweckt in uns das Bewusstsein von unserem „Ich bin.” Auf diesem Weg gibt es einen „Punkt”, an dem wir zu Ihm erwachen. Wir erleben dann, dass er der Raum ist, in dem wir uns bewegen. Unser Leben vollzieht sich in Ihm.
 
Wir sind Zeit, Ausgestaltung karmischer Inhalte. Er jedoch ist Ewigkeit. Er wandelt die karmischen Inhalte. Wir als Zeit können inhaltlich in die Ewigkeit münden, wenn wir die Brücke bauen, als Seele. Nahe am Ewigen ist Zeit „goldene Zeit”, weiter entfernt ist sie „eisern”, „blechern”, tönern”.
 
Der Ewige in uns verbindet die Momente unseres Lebens miteinander. Als Allgegenwärtiges hält es sie zusammen, macht sie zu einem Lebenslauf. Die Zwischenräume in der Zeit können zu Erleuchtungen führen. Durch die Zwischenräume bricht das Ewige, die Fülle herein.
 
Das kann auch „zwischen den Jahren” geschehen.
 
Foto: Christel Maria Achenbach

1 Kommentar
  • Hildebrandt, GiselaBeantworten

    Bestmögliche Meditiation in dieser Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr.
    Neues will sich zeigen, altes vergehen. Wir sind Vergänglichkeit und doch lebt das Unvergägliche in uns. Liebe führt uns ins Ewige.
    Vom "arglos Empfänglichen" habe ich bisher noch nie gehört. Es ist so ein unschuldiger Begriff. Ein unschuldiges Werden im Neuen.

    Gruß Gisela

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