Aufrüttelnde Texte

Die Harmonie der Geschlechter

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Während eines Interviews aus dem Jahre 1973 stellt sich die Dichterin Ingeborg Bachmann die Frage, wovon wir uns als Mensch eigentlich emanzipieren müssten. Warum kommen wir mit dem anderen Geschlecht so oft in Konflikt? Sind nicht beide, Mann und Frau von gleichem Wert? Und dann fügt sie wie in einer Vision hinzu: „Es wird der Tag kommen, wo alle Menschen, die Frau und der Mann, die Poesie des anderen Geschlechtes wieder entdecken. Und wir werden miteinander frei sein, und wir werden die Güte und Liebe in anderer Weise wieder entdecken.”

Auch Hermann Hesse hat sich mit ähnlichen Gedanken auseinander gesetzt, wenn er schreibt: „Es ist nicht die Aufgabe einander näher zu kommen, so wenig wie Sonne und Mond zueinander kommen, oder Meer und Land. Unser Ziel ist es, einander zu erkennen und einer im anderen das zu sehen und zu ehren, was er ist: des anderen Gegenstück und Ergänzung.”

Diese beiden Aussagen aus der Weltliteratur weisen auf eine spirituelle Richtung in der Beziehung der Geschlechter zueinander.

Das Männliche und das Weibliche sind kosmische Prinzipien, die einander bedürfen und sich gegenseitig ergänzen. Als Gegensatzpaare durchziehen sie alle Bereiche der Natur und gehören doch zusammen. Denn nur gemeinsam bilden sie wieder eine Einheit. Das bekannte Yin-Yang-Symbol bringt das zum Ausdruck.

Durch ein veräußerlichtes Leben haben die Menschen verlernt, sich dem tieferen Sinn dieser kosmischen Zweiheit zu stellen. Es geht darum, zu erkennen, dass sowohl der Mann als auch die Frau diese ursprüngliche Einheit noch in sich tragen. Sie ist verborgen in ihren Herzen.

Im Tao Te King von Laotse wird das verschleiert so ausgedrückt: „Wer seine männliche Kraft kennt und doch weibliche Sanftmut bewahrt, ist das Tal des Reiches.”

Mit dem Tal des Reiches ist ein geistiges Prinzip gemeint, das in jedem Menschen verborgen ist und in dem beide kosmischen Energien in ihrer Reinheit existenziell anwesend sind. Wenn es dem Menschen gelingt, dieses Prinzip zu erwecken, dann werden die beiden Kräfte frei und ermöglichen eine innereigene Neuschöpfung. Es ist die Geburt einer neuen Seele, die sich wieder mit dem Geist vereinigen kann. Diese Entwicklung wird auch als „Chymische Hochzeit” angedeutet. Das weibliche Prinzip (die Seele) und das männliche Prinzip (der Geist) sind dann wieder zu einer Einheit geworden.

Eine solche Entwicklung kann von Männern und Frauen angestrebt und verwirklicht werden.

Als vollwertige Seelen, die wieder mit dem Geist vereint sind, können beide Geschlechter dann in vollkommener Harmonie zusammenarbeiten.

Dann ist die Vision der Dichterin Ingeborg Bachmann Wirklichkeit geworden.

Abb.: Hera und Zeus

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