Freiheit

Über die Freiheit des Menschen

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FREIHEIT! Wie geht es uns, wenn wir dieses Wort hören? Spüren wir nicht so etwas wie ein „Aufatmen der Seele”, ein Haschen nach Luft, nach Befreiung, eine unbestimmbare, starke Sehnsucht in uns? Das Bild einer frischen Brise über dem blauen Meer ist da, ein weißes Segelschiff gleitet – wohin? – FREIHEIT!

Jeder Mensch spürt mit dem ersten Schritt ins Leben das Gefängnis, in dem er ist, und das ihm durch sein ganzes Leben hin mehr und mehr bewusst wird; weil er sein Karma leben muss, mit den Mustern, die sein Denken und seine Gefühle bestimmen, unterworfen auch den Naturgesetzen, wie dem Gesetz der Kausalität oder dem der Resonanz, das ihn unweigerlich mit den Menschen und den Situationen zusammenführt, mit denen er seine Muster „spielt” und normalerweise bis zu seinem Lebensende, ohne dass er es merkt. Sein Gefängnis ist auch sein Körper, den er mit sich trägt, sein „Haus”, in dem er wohnt, und das baufällig ist und immer baufälliger wird mit der Anzahl der Lebensjahre. Nichts und niemand kann das verhindern.

Der Mensch erfährt sich also als gebunden, als abhängig, als ausgeliefert der Welt. Und Leid und zunehmende Enttäuschung über sein Leben erfüllen ihn. Sein Gesicht, ja, der ganze Körperausdruck verändert sich mit den Jahren; die jugendliche Lebensfreude weicht, die Hoffnungen zerschlagen sich; der Körper beugt sich und verliert zunehmend an Substanz, an Kraft. Angst und Schmerzen bestimmen häufig den Alltag des alternden Menschen. Er sucht nur mehr nach Sicherheit, nach Halt und klammert sich an das Leben, das schwindet, trotz vieler vermeintlich lebensverlängernder Mittel. Und doch spürt und sieht der Mensch eindeutig, dass er das Leben nicht festhalten kann, dass es sich zurückzieht und dass nur das graue hinfällige, in vielfacher Hinsicht geschädigte,  verletzte und gekränkte Gehäuse noch da ist, bis auch dieses sich schließlich auflöst. Die Ohnmacht gegenüber diesem unvermeidbaren Schicksal macht den Menschen zornig und verzweifelt, und traurig – unendlich traurig und einsam.

Das ist die normale, gewöhnliche Wirklichkeit des menschlichen Lebens. Und die Erkenntnis am Lebensende ist: Es gibt keine Freiheit. Freiheit ist eine Illusion, etwas, was in den Träumereien der Jugend vorkommt, aber der Alltag kennt andere Erfahrungen. Das Leben ist mühsam und beschwerlich. Und der Gott, zu dem man immer gebetet hat, hat nicht geholfen, denn er hat die Wünsche nicht erfüllt.

Wir wollen uns nun die Gedanken dreier berühmter Philosophen zu diesem Thema ansehen:

Arthur Schopenhauer war ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts. Er verkündete den Pessimismus als Lebensphilosophie.  Er war berühmt, war sogar ein „Modephilosoph” und er wurde gefeiert. Warum?

„Die Welt ist meine Vorstellung” – so lautet der Hauptsatz seiner Philosophie, das heißt, es gibt immer ein Subjekt, dem ein Objekt gegenübersteht, oder mit anderen Worten: Wir nehmen immer etwas wahr, die Welt, die uns gegenübersteht. Die Welt aber ist eigentlich meine Vorstellung, mit demselben Realitätscharakter wie das Ich. Das Du erscheint uns räumlich, zeitlich und durch Ursache und Wirkung bestimmt. Denken wir zum Beispiel an einen Baum, der im Laufe der Jahre altert, weil er endlich ist. Er hat eine räumliche Ausdehnung und das Altern ist seine zeitliche Veränderung. Damit ist die Trennung, die Spaltung, die Zweiheit vorgegeben, und zwar – so Schopenhauer – wegen unseres Verstandes, unseres Denkens. Wir können die Welt gar nicht anders wahrnehmen! Unser Verstand ist so angelegt. Auch unser Körper ist das Du. Er ist ausgedehnt und verändert sich in der Zeit, und auch für ihn gilt: Keine Wirkung ohne Ursache. In der Welt gibt es daher keine absolute Freiheit, nur eine relative, und zwar dann, wenn wir zwischen zwei Möglichkeiten eine Wahl treffen. Aber auch diese Freiheit ist nur scheinbar, weil das, was wir schließlich wählen und sogar wie wir es wählen, ist bestimmt durch unseren Charakter (= Karma).

Ein blinder Drang, der Wille (in den Schriften der frühen Gnostiker Jaldabaoth), erschafft unentwegt und rastlos diese zweigeteilte Welt. Er ist letztendlich Trieb, Lebensgier, er ist vernunftlos, der Demiurg, der Eigenwille, der dies alles hervorbringt. Alles was entsteht, vergeht wieder, zerfällt , löst sich auf.

Es gibt keinen Ausweg – außer – so Schopenhauer – durch totale Verneinung der Welt. Wie ist das möglich? Es ist letztendlich nur möglich durch „Kontemplation”, durch Besinnung, durch innere Wahrnehmung dessen, was wir eigentlich sind. Nur darin ist absolute Freiheit. Dann verstehen wir auch das Wirken dieses Eigenwillens und verstehen, dass Subjekt und Objekt, Ich und Du, letztendlich Erscheinungsformen dieses Willens sind, Schatten, die mit unserem wahren Wesen nichts zu tun haben.

Aus dieser Erkenntnis heraus verstehen wir uns selbst und unsere Mitmenschen. Mitgefühl ist die einzig richtige Haltung ihnen gegenüber. Der Mensch erkennt im Mitmenschen sein Ich, das Wirken des Eigenwillens – den Egoismus als Lebenshaltung – und er gewinnt die Erkenntnis: „Nur die absolute Verneinung des Ichs, das er im Spiegel des Du erkennt, führt heraus und in die absolute Freiheit.” Aber er weiß dann auch um das Andere in ihm, den Atman, das wahre, göttliche Selbst. Er weiß um diese Freiheit, die er auch in sich wahrnimmt und die nichts mit der Welt zu tun hat.

Auch nach Sören Kierkegaard, einem dänischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, kann Wahrheit, die ihrem Wesen nach absolute Freiheit ist, nicht gelehrt werden. Sie entsteht durch eine Bewegung des Menschen in der Zeit, durch ein Tun. Was ist dieses Tun?

Kierkegaard attackierte das oberflächliche laue Christentum seiner Zeit und betonte, dass der Mensch zu Christus nur ein Verhältnis haben könne, wenn er ihm gleichzeitig werde. Der Augenblick, die Wiederholung und der Sprung sind wesentliche Elemente seiner Philosophie.

Er beschreibt den Weg zur absoluten Freiheit folgendermaßen:

Der Mensch durchwandert in seinem Leben gewöhnlich und im besten Falle drei Stadien:

Im sogenannten ästhetischen Stadium lebt er als Ich, hingegeben an seine Sinneseindrücke, und als Opfer seiner Gefühle und Gedanken: Er spürt seine Gefangenschaft und leidet, weiß aber nicht, warum das so ist. Er weiß noch nicht um seine Transzendenz. Wenn es gut geht, tritt er, ausgelöst durch Selbstironie, auf Distanz zu sich selbst. Die Wurzel aber ist Verzweiflung. Der Mensch betrachtet sich selbst und fragt: Warum?

So erreicht er das zweite, das ethische Stadium: Er wird moralisch. Er akzeptiert es, an einen jenseitigen Gott zu glauben und glaubt nun auch, dass er eine Seele hat. Er beginnt, sich humanistisch zu betätigen und Verantwortung für sich und die Welt zu übernehmen. Er glaubt, dass er nach dem Tod in den Himmel kommt und damit in die Freiheit des Paradieses.

Es kann aber auch sein, dass er bewusst den Glauben an ein Ewiges leugnet und sich als Atheist bezeichnet oder dass er am Ewigen zweifelt und als Agnostiker lebt. In beiden Fällen aber ist die Grundstimmung seines Lebens Verzweiflung; Egoismus und das Streben nach Individualisierung und Spezialisierung prägen diese Lebenshaltung.

Oder aber er will nicht mehr in dieser Welt leben und wird mystisch. Er versucht dann verzweifelt, ein Aussteiger zu sein.

Im besten Falle  – so Kierkegaard – kann er wiederum sich selbst sehen, ironisch, oder sogar mit Humor. Dieses Sichwahrnehmen, das verzweifelte Sichbemühen anzuschauen, jemand zu sein oder nicht zu sein, führt ihn schließlich ins Nichts, in die Leere.

So gelangt er ins religiöse Stadium: Dann, und nur dann, tut er den Sprung ins Absurde, ins Paradoxe. Er hat das Gedankenkonstrukt vom jenseitigen Gott erkannt und hat begriffen, dass das Ewige nicht mit dem Verstand erfasst werden kann, sondern dass er ihn „kreuzigen” muss, um zum Ewigen zu gelangen! Diesen Sprung muss er immerzu wiederholen, um die Leere und Einsamkeit des Ichs ertragen zu können. Die Freiheit des Menschen besteht nach Kierkegaard also einzig und allein in diesem Tun, in dieser Entscheidung, den Sprung ins Absurde zu tun. Nur in dem Augenblick, in dem er dies tut, kann er im einzig richtigen Verhältnis zu sich selbst und zu seinem Existenzgrund, zu Christus, sein. Dieses Tun ist eine innere Bewegung.

Friedrich Nietzsche war zunächst ein begeisterter Leser Arthur Schopenhauers, wandte sich dann aber ab und kam über dessen Pessimismus zu einer radikalen Lebensbejahung. Auch er lehnte das herkömmliche Christentum, so wie es gelebt wurde, vollkommen ab, ebenso die herkömmliche spekulative Philosophie. Was ist Wahrheit? Diese Frage bewegte ihn brennend. Wahrhaft freies Denken müsse Jenseits von Gut und Böse stattfinden!

Wir dürfen uns nicht zu Opfern, zu Sklaven machen von irgendwelchen selbst ernannten Tätern, den „Herren”, auf Grund der herkömmlichen Moral, wir dürfen nicht passiv mitleiden, damit vergrößern wir nur das Leid der Welt, sondern wir müssen aktiv werden, in der Mitfreude sein und das Leben grundsätzlich bejahen!

Nietzsche kritisierte alle bestehenden Werte der bürgerlichen Moral. Eine totale Umwertung aller Werte sei nötig! Bewusstseinsentwicklung ist sonst unmöglich. In diesem Sinn ist Nietzsches bekannter Ausspruch „Gott ist tot!” zu verstehen.

„Fröhliche Wissenschaft”:

Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! [..] Was taten wir, als wir diese Erde von der Sonne losketteten? [….] Stürzen wir nicht fortwährend? […] Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Er fordert die totale Lebensbejahung im Sinne des griechischen Gottes Dionysos: „Dionysos gegen den Gekreuzigten!” Damit verurteilte er die gesamte christlich-katholische Auffassung von Jesus Christus.

Er vergleicht den gewöhnlichen Sklaven-Menschen mit einem Kamel, das brav seine Lasten trägt, von der Wiege bis zur Bahre. Darüber müsse der Mensch hinauswachsen und zum Löwen werden, der dem „Du sollst, denn es ist Deine Pflicht!” ein heiliges „Nein!” entgegenbrüllt und durch ein „Ich will!” ersetzt. Aber auch dieses müsse er zurücklassen und sich weiter entwickeln zum Kinde, das im Jetzt spielt und aus sich selbst heraus schafft.

„Also sprach Zarathustra”:

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-Sagens.

Es kommt auf das Tun an, auf den Willen zur Macht, zum Machen, aus sich heraus schöpferisch zu sein. Es kommt darauf an, die ewige Wiederkehr des Gleichen zu erkennen, zu ertragen, aber auch zu erfahren: „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.” Das absolute Ja-sagen zum Leben, zum brennenden, freudvollen Jetzt, zur Fülle – das ist der höchste Zustand des wahren Philosophen!

Wer ist der Übermensch? Wer ist Zarathustra, der Priester? Es ist der kommende neue Mensch, wenn wir so sagen dürfen, einer, der dabei ist, „hinüberzugehen”, zu transformieren, er ist ein Schaffender, ein Werdender, ein hart an sich Arbeitender, voller Mitgefühl für den Nächsten, ein Helfer, um die Menschen und sich selbst zum wahren Kunstwerk zu machen.

Nietzsches Übermensch, das sind wir alle, wenn wir den Weg gehen, dorthin, wo die scheinbare Freiheit des Persönlichkeitsmenschen durch die totale Freiheit des Göttlichen, der Fülle, ersetzt ist.

Der Mensch ist grundsätzlich frei! Diese Gnosis gilt es wieder zu finden. Das zeigen auch diese drei Philosophen. Der Mensch hat es vergessen. Jedoch das Leid als Botschafter des Ewigen, in welcher Gestalt auch immer, weist den Weg. Der Käfig der Persönlichkeit muss im Göttlich-Geistigen, das aus dem Innersten aufflammt, verbrennen, muss zu Asche werden, damit der Vogel fliegen kann, der Phönix, der wir eigentlich sind, in die goldene Sonne hinein.

Gemälde: P.M. Steiner
1 Kommentar
  • Gisela HildebrandtBeantworten

    Eine wunderbare Zusammenfassung zum Thema "Freiheit".
    Danke Jutta Valent!

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