Freiheit

Bergbesteigung

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Geschafft! Vor mir liegen bewaldete Bergketten, tief unter mir ein breites, grünes Tal mit roten Dächern auf kleinen Häusern, graue Straßenbänder, Bäume und ein glitzernder Bach. Klein wie Spielzeug. Ich bin froh, hier oben an diesem schönen Platz angekommen zu sein. Hinter mir liegt ein anstrengender Aufstieg. Ein schmaler, steiler, gewundener Pfad führte zwischen Blumen und Sträuchern und über Geröll zum Berggipfel hinauf. Besonders das letzte Stück über blanke Felsen erforderte meine ganze Aufmerksamkeit und Kraft. Um nicht abzurutschen gibt  es ein Drahtseil, an dem ich mich hochziehen konnte. Eine letzte Anstrengung – und nun stehe ich hier oben. Wie erhebend!
 
Es scheint mir, dass ich auf dem Weg vom Tal zum Gipfel mit jedem Höhenmeter alle meine Gedanken, die mein Gehirn gewöhnlich bevölkern, hinter und unter mir zurückgelassen habe. Der Weg fordert von mir, im Jetzt zu sein, um den nächsten richtigen Schritt zu tun. Unbemerkt ist mein Kopf leer geworden und so empfinde ich doppelt intensiv das Glück von Freiheit, Erfülltsein und Freude, das Ziel erreicht zu haben.
 
Ich lasse mich auf einem Stein nieder und werde still. Auch die aufgescheuchten Dohlen beruhigen sich nach und nach. Eine von ihnen erhebt sich mit einer Leichtigkeit vom Felsen, segelt durch  die klare Luft, zieht ihre Kreise und verschwindet im Blau. Die Sehnsucht, es ihr gleich zu tun, mich über alles Traurige und Schwere zu erheben, dem Alltäglichen zu entfliehen, einfach frei und glücklich zu sein, wird ganz stark. Sie erfüllt mich und hat sich seitdem tief in mein Wesen eingeprägt.
Ein viertel Jahrhundert später …
 
Von weitem grüßt mich „meine” Bergspitze, als ich den Bergsattel überquere. Ich bin zurückgekommen, um sie für einige Tage wiederzusehen. Erwartungsvoll schauen wir uns an. Werden sich meine Pläne erfüllen?  Werde ich noch genügend Ausdauer und Kraft besitzen? Lässt sich solch ein Erlebnis wiederholen? Bange Fragen.
 
Die Tage laufen davon. Erst ist es zu heiß, dann zu unbeständig und dann setzen Sturm, Gewitter und Regen ein. Aus dem Traum wird nichts, er zerrinnt.  Eine verpasste Chance!?
Während dieser Tage mache ich mich auf eine innerliche Entdeckungsreise. Meine alten Vorstellungen vom Weg in die Freiheit verlasse ich zwangsläufig. Wie kann ich zu meinem Ziel kommen? ”Um das Gefühl von Erhobensein, wie ich es vor vielen, vielen Jahren entdecken durfte, zu erleben, muss ich nicht mehr unbedingt den Berg besteigen,” sage ich mir. Ich brauche meinem Traum auch nicht nachzujagen  oder ihm nachzutrauern. Er gehört zu einer anderen Zeit, ja, zu einem anderen Abschnitt auf meinem Lebensweg. Zu jener Zeit war es wichtig für mich, dass in mir die Sehnsucht nach Freiheit , Leichtigkeit und Erfüllung geweckt wurde. Diese Erkenntnis wird mir von Tag zu Tag deutlicher.
 
Heute stehe ich an einem anderen Punkt. Die Erlebnisse und die daraus gewonnene Erfahrung haben mir gezeigt, dass ich mir innere Freiräume schaffen muss. Räume, die nicht vom Kampf geprägt sind, meine Vorstellungen mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen. Räume, in denen ich mich zu einem neutralen Punkt erheben kann, um von dort aus, wie von einer Bergesspitze, das Treiben im Tal zu betrachten, ohne vom Strudel ergriffen und mitgerissen zu werden.
 
In einer wohltuenden Ruhe erschließen sich für mich neue Möglichkeiten, neue Sichtweisen und die Fähigkeit, den Dingen einen anderen Stellenwert zu geben. Meine Blickrichtung ändert sich und ohne viel Mühe lasse ich Dinge los, denen ich vorher meine ganze Aufmerksamkeit geschenkt habe.- Und sie lassen mich los. Ich werde frei.
 
Neugierig wie ein Kind, offen für Neues und für Wunder entdecke ich staunend ein Geheimnis: den inneren Raum, in dem alles möglich ist, der erfüllt ist vom Licht, von Liebe, Freiheit und Stille, der für mich offen ist, den ich betreten kann, wann immer ich will, um zu lauschen.

Foto: Christel Maria Achenbach