Alchemie

Einheit oder Einzigkeit Gottes

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Zwischen der „Einheit” und der „Einzigkeit” Gottes kann und muss man unterscheiden. Die Klarheit unserer inneren und äußeren Wege hängt davon ab.

Der arabische Begriff Tauhid benennt den Glauben an die Einheit und zugleich Einzigkeit Gottes. In der 112. Sure des Koran wird Tauhid definiert als: Allahuahad, er ist Gott, ein Einziger. Er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden. Auch der Satz „Es gibt keine Götter außer dem einzigen Gott” ist ein Ausdruck des Tauhid. Zugleich sind dies die ersten Worte des islamischen Glaubensbekenntnisses (Schahada).

Bekannter Maßen wurde die Heilige Schrift des Islam im Mittelalter (600 – 700 n. Chr.) niedergeschrieben. Viel früher, etwa 1400 – 1500 vor Chr. zogen die Juden aus Ägypten nach Kanaa und gründeten dort ihren Staat. Es entwickelte sich die jüdische Religion, die die Verehrung nur eines einzigen Gottes, nämlich Jahwe vorsah: Seine Kernaussage lautete: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.” Der zweite Halbsatz verdeutlicht, dass andere Götter durchaus anerkannt wurden, sie aber nicht mehr Gegenstand der nun gültigen Religionsausübung sein sollten. Wir sprechen hier von einem henotheistischen Religionssystem, das lediglich einen einzigen Gott vorsieht, ohne dass es die Existenz anderer Götter verneint.

Etwa zur gleichen Zeit setzte Echnaton in Ägypten Aton, den Eingott, über alle Götter und ging damit vom Polytheismus zum Henotheismus über. Wie wir wissen, hielt dies nur für die wenigen Jahre seiner Herrschaft an. Tutanchamon übernahm nach der  kurzen Regierungszeit Semenchkares (wahrscheinlich die Gattin Echnatons Nefertiti bzw. Nofretete) auf Druck der Priesterschaft wieder den  alten Polytheismus.

Interessanter Weise trat ebenfalls im 2. Jahrtausend vor Chr. Zarathustra mit dem Eingott Ahura Mazda und der dazu gehörigen heiligen Schrift, der Avesta, in Erscheinung.

Der Impuls zur  Verehrung nur eines einzigen Gottes hat eine Parallele in der „Zentralisierung der Macht”. Eine weitere Parallele liegt im allmählichen Erwachen des Bewusstseins des Menschen, ein Einzelwesen zu sein, ein Individuum.

Den Begriff „Monotheismus” gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert nach Chr. Er wurde von Henry More geprägt und erkennt nur einen allumfassenden Gott an.

Der Gedanke der Einzigkeit Gottes zielt darauf ab, Gott als einzelnes und einzigartiges Kräfteprinzip zu kennzeichnen, wie es Judentum, Christentum und der Islam explizit postulieren.

Die Einheit Gottes, der man mit dem Zirkelsatz näher kommen kann: „Gott ist alles und alles ist in Gott”, zeigt in der Begrifflichkeit durchaus pantheistische Züge. Das heißt, Kosmos und Mensch sind göttlichen Ursprungs und das Göttliche befindet sich in allen Dingen. Die Urformel zu diesem Phänomen kennt man bereits von Hermes Trismegistos, der formulierte: „Wie oben, so unten, wie unten, so oben”. Diese Worte reichen wohl in Zeiten zurück, die noch vor der Niederschrift der Poesie der Hebräer und damit des Alten Testamentes liegen.

Nähern wir uns einmal der Einzigkeit Gottes anhand der jüdischen Quellen. Auffällig ist, dass das Judentum seine Religion in Form einer Literatur darstellt, während die Quellen der polytheistischen Richtungen im Wesentlichen in Form von Denkmälern und Skulpturen die Zeiten überdauert haben. Die bildende Kunst sucht Gestaltungen in der Analogie zur Natur. Götter erhielten durchaus das Aussehen natürlicher Wesen, insbesondere scheint der Mensch ein Abbild der Götter zu sein. Die Göttin der Schönheit, die Aphrodite oder Venus wurde als schöne Frau und der Kriegsgott Ares oder Mars als bewaffneter Recke dargestellt.

Die ursprüngliche Literatur, die sich vor allem der alten Poesie bediente, übertrug die geistigen Gedanken tiefgreifend und ausführlich und entwickelte dadurch den Verstand. Allerdings beeinträchtigen Fälschungen und Interpretationen das Verständnis der Schriften. Eine wortwörtliche Annahme der Literaturinhalte ist oft fatal und kann zu grausigem Fehlverständnis führen. Eine Skulptur überträgt demgegenüber den Kraftimpuls auf andere Weise. Sie ermöglicht Inspirationen, durch die verschüttete innere Bilder wieder wahrgenommen werden und „uralte” Realität wieder bewusst wird.

Die Einzigkeit Jahwes wurde Programm des Alten Testamentes. Sie bildet mit dem zionistischen Bestreben, der Vielgötterei sowie dem Dämonen- und Geisterglauben Einhalt zu gebieten, die Jahrtausende alte Basis für das Christentum und den Islam. Jahwe löste zu „seiner Zeit” El Schaddaj ab. Sched war der allgemeine Begriff für Dämonen. Jahwe erschien Abraham, Isaak und Jakob noch als El Schaddaj und gab seinen Namen nicht bekannt. Konnte auf diese Weise die neue Eingottheit einfacher anerkannt werden?

Schier unaufklärbar erscheint die Pluralform der Elohim als Schöpfergottheit des Alten Testamentes. Die Religionswissenschaft führt eine Vielzahl von Argumenten an bis hin zur Formulierung, dass diese Pluralform nur als Singular gedacht werden müsse.

Auf dem Weg, die Einzigkeit Gottes durchzusetzen, verdrängte sowohl das Christentum als auch der Islam polytheistische Religionen: so die Christen die nordischen, römischen und griechischen Systeme und die Mohammedaner viele Naturreligionen in ihren Missionsgebieten, aber auch den Zoroastrismus in Persien und schamanische Gruppen in Asien, Arabien und Afrika. Diese weltweite, Jahrhunderte dauernde Zerschlagung von Religionen vernichtete menschliche Kultur auf tragische Weise. Die Folge und Gefahr ist, dass unsere Wurzeln uns dunkel bleiben.

Sehr früh entwickelte sich der Gedanke, dass wahres Sein nur das göttliche Sein sein könne, das unsterbliche Leben. Denn Kosmos, Erde und deren Bewohner sind der Vergänglichkeit unterworfen. Darum entstand schon im griechischen Denken der Logos als Mittler zwischen Gott und Mensch. Ein Mittler verringert den Abstand. Diese Entwicklung gipfelte in der Messiasvorstellung, die prinzipiell als Ziel allen Bestrebens die Erlösung der Menschheit als Ganzes im Sinne hat. Die Würde des Menschen wird hierbei nicht im Individuum gesehen, sondern in der Menschheitsidee. Die Entwicklung der Menschheit hin zu einer geistigen Existenz mit Hilfe des Vorbildes eines oder mehrerer  Mittlerkräfte zwischen Gott und Mensch (z. B. Christus, Buddha, Krishna) soll die Rettung bewirken.

Nun wird dadurch ein neues Gedankengebilde aufgeworfen: die Trinität oder Dreieinheit. Die Frage nach der Einzigkeit des Göttlichen wandelt sich zur Auseinandersetzung mit den zu unterscheidenden Kräften: Vater, Sohn und heiliger Geist, die zugleich eine Wesenseinheit bilden.

In unserer Zeit berührt der Impuls der Vergeistigung, Vergöttlichung oder Erleuchtung viele suchende Menschen. Die überlieferten Religionsvorstellungen können hierzu als Vorbereitung gesehen werden. Der neue geistige Impuls geht einher mit in einer krisenhaften Entwicklung besonderer Art: Die westliche Zivilisation hat sich vom Göttlich-Geistigen abgekoppelt und dadurch jedes Maß und jeden tieferen Maßstab verloren. Sie bedroht das Fortbestehen des Lebens auf dieser Erde. So kommt es jetzt auf die befreiende Tat an – im Inneren wie im Äußeren. Eigenverantwortung zählt. Gelingt es dem Einzelnen, sich in Freiheit dem übergeordneten göttlichen Gesetz zu nähern? Gelangt er zur Reife, sich an einem ganz neuen Brückenbau zur göttlich-geistigen Welt zu beteiligen? Den Gradmesser für die Richtigkeit oder den Sinn unseres Handelns finden wir heute im „göttlichen Tempelbezirk” in unserem Innersten.

Dort können wir vorgegebenes Regelwerk auf den Prüfstand stellen. Von der Einsicht vieler einzelner hängt heute mehr ab als je zuvor. Jeder kann durch das Öffnen einer inneren Pforte, die über den Verstand hinausweist, der Einheit des Göttlichen begegnen. Dabei wird es nicht auf den Namen ankommen. Und auch nicht auf die Frage der Einzigkeit. Denn diese hat Intoleranz, Krieg und Unheil über die Menschheit gebracht.

Foto: Hermann Achenbach

1 Kommentar
  • Jutta IngannamorteBeantworten

    Wunderbar all diese wertvollen und inhaltsreichen Beitraege! Heute steht jeder vor der taeglichen inneren Wahl, das wirkliche Verstehen zuzulassen, oder weiter in der "alten Spur" des Unbewussten zu schlurfen.
    Herzliche Gruesse aus Italien an all die Freunde, die diese Seiten mit so viel Liebe und Zeit-Aufwand in die richtige Form bringen.
    Weiter so!!
    In Verbundenheit,

    Jutta und Carlo Ingannamorte

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