Gnosis

Nur nicht erwachen Teil 2

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Zahllose Menschen haben irgendwann einmal gespürt, dass es in ihrem Innern noch einen anderen Zustand des Seins gibt. Insbesondere in der Jugend zeigt er sich. Da taucht Großes auf, Heldenhaftes, oder Beseeltes, und man ist davon fasziniert. Aber es entzieht sich wieder dem Blick. Die Familie, die Freunde, die Schule, die Anforderungen, die das Leben stellt, all das übt seinen Griff aus. „Bleib mit den Beinen auf dem Boden”, lautet der Ratschlag. Einige indes versuchen, dem inneren Ruf auf irgendeine Weise zu folgen. Sie sprechen wenig darüber, denn sie werden verlacht. Wenn sie nach tiefen Erfahrungen als Erwachsene daran gehen, den Weg zum unbekannten Innern zu bahnen, werden sie noch vorsichtiger. Denn Ausgrenzungen drohen. Man mag solche Menschen nicht, sie erinnern an einen Ruf, den man auch irgendwann einmal vernommen hat, aber dem man nicht zu folgen wagte.

Die Welt schützt sich davor, dass man sie bis in die Tiefe erkennt. Die Menschen werden bis an die Grenzen ihrer Kräfte in Anspruch genommen. In ihrer Freizeit wollen sie sich vor allem ablenken. Fjodor Dostojewskij deutet auf die Situation hin. In seinem Roman Die Brüder Karamasow sitzt Iwan Karamasow mit seinem Bruder Aloscha in einem Restaurant und eröffnet ihm, er habe im Kopf eine „Dichtung” verfasst, die er ihm mitteilen wolle. Die Handlung spiele „in Spanien, in Sevilla, in der furchtbarsten Zeit der Inquisition, als täglich zum Ruhme Gottes im Lande die Scheiterhaufen loderten”.

Jesus steigt, so erzählt er, vom Himmel herab auf die heißen Straßen und Plätze der Stadt. „Er erscheint still und unauffällig, und siehe da, es begibt sich etwas Seltsames: alle erkennen ihn.” Da erscheint ein fast neunzigjähriger Greis, der Großinquisitor, „streckt einen Finger aus und befiehlt der Wache, Ihn zu ergreifen.” „Die Wache führt den Gefangenen in ein enges, finsteres, gewölbtes Verlies.”

Der Großinquisitor sucht Jesus auf und „sagt das laut, was er die ganzen neunzig Jahre verschwiegen hat.” (…) „Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem es möglich war, die Menschen glücklich zu machen; aber zum Glück übergabst Du, als Du weggingst, diese Aufgabe uns. (…) Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins, (…) der große Geist hat mit Dir in der Wüste gesprochen, und es ist uns in der Schrift überliefert, dass er Dich versucht habe. (…)

Erinnere Dich an die erste Frage; wenn sie auch nicht buchstäblich so lautete, so war doch ihr Sinn folgender: Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfältigkeit und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit! Aber siehst Du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam. (…)

Du aber wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben und verschmähtest den Vorschlag; denn was ist das für eine Freiheit, so urteiltest Du, wenn der Gehorsam durch Brot erkauft wird? Du erwidertest, der Mensch lebe nicht vom Brot allein.” (…)

Es „lag in dieser Frage das große Geheimnis dieser Welt beschlossen. Hättest Du das Brot angenommen, so hättest Du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, einem Sehnen des einzelnen Menschenwesens wie der ganzen Menschheit zusammengenommen, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausspricht: wen soll ich anbeten? Es gibt für den Menschen, wenn er frei geblieben ist, keine dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann. Aber der Mensch möchte nur etwas anbeten, was bereits unbestritten ist, so unbestritten, dass alle Menschen zugleich sich zu seiner gemeinsamen Anbetung bereit erklären. (…) Um der gemeinsamen Anbetung willen vernichten sie einander mit dem Schwerte. (…) Du wiesest das einzige wirksame Panier zurück, das Dir angeboten wurde, um alle zu zwingen, widerspruchslos dich anzubeten, das Panier des irdischen Brotes. (…)

Würdest Du alle Wünsche erfüllt haben, die der Mensch hier auf Erden hegt: er hätte jemand gefunden, den er anbeten und dem er sein Gewissen anvertrauen konnte.”

Warum nur hat Jesus die „Steine” dieser Welt nicht in Brot verwandelt? Alle hätten genug zu essen gehabt. Warum hat er es nicht getan? Welch enormes Leiden, welche Spannungen und Konflikte wären vermieden worden!

Er aber sprach zu seinen Jüngern: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.” (Joh. 8)

Religion – Hilfsmittel für das Erwachen …

Erwachen heißt: aus alten Kleidern herauswachsen, eine vollkommen andere Perspektive erringen. Und: aushalten, dass diese Perspektive alles auf den Kopf stellt.

Fortsetzung folgt

Literaturnachweis: Fjodor Dostojewskij, Der Großinquisitor, Reclam Verlag

Abb.: aus einem Gemälde von Caravaggio

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