Selbsterfahrung

Begegnung

Diesen Artikel empfehlen:

Von Angesicht zu Angesicht

Ein alltägliches Wunder geschieht: ich begegne einem Menschen. Gesichtszüge, Augen, Geschlecht, Kleidung, Alter, die äußere Form – innerhalb weniger Sekunden ist das Bild in meinem Kopf gescannt. Worte kommen hinzu. Das Bild bekommt Farbe. Die Gesichtszüge erhalten Mimik, ich vernehme den Klang der Stimme.

Das Dazwischen

Aus der Begegnung wird eine Beziehung zwischen zwei Personen. Ein energetischer Fluss entsteht. Er ist etwas Eigenes, geht über jeden von uns beiden hinaus. Das gilt sogar für die Beziehung zu leblosen Objekten: Da ist mein Kugelschreiber und da ist meine Hand. Zwischen beiden entsteht eine Beziehung, wenn ich einen Text schreibe. Beziehung erzeugt etwas ganz Neues, Schöpferisches, Frisches. (1)

Aus ihr kann ein Miteinander werden, oder es kann sich aus dem Gegenüber ein Gegnerisches entwickeln. Das hängt von unser beider Bedürfnisse und Begierden ab, von unseren Mangelerscheinungen, von dem, was uns fehlt, oder, wie A. H. Almaas sagt, von unseren „Löchern”. (2) Kann mein Gegenüber meinen Mangel, meine Bedürfnisse ausfüllen?

Er wird für mich zu einem Spiegel. Welche Bilder habe ich in mir „festgenagelt”, welche projiziere ich auf das Gegenüber?

Sich SELBST begegnen

Gedanken trennen. In tiefer Liebe jedoch gibt es keine Zwei. Wenn Menschen sich in der Tiefe begegnen, ist das Außen nicht mehr wesentlich. Namen, Formen, Geschichten verschwinden.

Wenn ich in meinem Gegenüber das EINE erspüre, die göttliche Seele, erfahre ich durch ihn mein wahres Selbst. Eine Vereinigung findet statt. Wirklichkeit entsteht, die einzige, die hinter allem steht.

Einswerdung geschieht, wenn ich Gott dazu einlade.

Mein Herz erlebt eine Intensität an Liebe, dass ich in Ekstase darin versinken möchte.

(1) Vgl. M. Perron und O. Odegard: Ein Kurs der Liebe, Ansata Verlag, 2001, S. 58

(2) Vgl. A. H. Almaas: Essentielle Verwirklichung, Arbor Verlag, 1987, S. 25

Foto: Regina Rust
1 Kommentar
  • Bernhard KneipBeantworten

    Sich SELBST begegnen

    Schon Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) wusste um die innere Zusammengehörigkeit von Gotteserfahrung und Selbstbegegnung (Selbsterfahrung), wenn er den Gott suchenden Menschen dazu aufruft:
    „Geh’ deinem Gott entgegen bis zu dir selbst!".

    Meister Eckhart vertieft diese grundlegende Einsicht und macht uns im Nachdenken verständlich, warum eine Begegnung mit Gott nur im Vollzug einer Begegnung mit dem wahren Selbst möglich ist.
    "Da wird Gott mit Gott erkannt in der Seele; so erkennt die Seele mit dieser Weisheit sich selbst ..." (Meister Eckhart)

Ihr Kommentar