Kunst

Auf das Wesentliche kommt es an

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Ein Besuch im Beethoven-Haus in Bonn

Ein Verwandter nahm mich ganz spontan auf einen Tagesausflug mit in die Nähe von Bonn. Er hatte dort zu tun, und vor mir lagen vier Stunden, die ich mit einer einstündigen Wanderung nach Bonn durch die Natur, über den Rhein und in die City begann. Der junge, hellgrüne, zart duftende blühende Frühling umgab mich. Es windete stark von Westen her, manchmal schien etwas die Sonne zwischen dunkleren und helleren Wolken, es war warm. Ich genoss das „All-Einssein”. Ich atmete neue Luft in einer unbekannten und doch vertrauten Gegend. Eigentlich gibt es nichts Neues auf diesem Planeten. Auf jedem Fleckchen auf unserer Erde sind alle Mosaiksteinchen nur anders zusammengefügt. Ich spürte die Atmosphäre einer anderen Gegend, die ich selten besuche, in der ich aber einst geboren wurde.

Der intensive, überall hervorquellende Frühling umhüllte mich und erfüllte mich mit Glück. Das jung-geborene, neu entstehende Leben – es öffnete etwas in mir. Es ließ mich ahnen: es gibt einen Ausweg aus dem immerwährenden Rhythmus – Frühling, Sommer, Herbst und Winter –, es gibt einen ewigen Frühling – ein stetes neues Hervorbringen und Entstehen von Schönem, in dem nichts ist mehr verdorrt – Blüte, Duft, Farbe, Milde – ewige Liebe.

Ich überquerte den mächtigen breiten Strom, den Rhein, und erreichte Bonn-City. In der von Menschen erfüllten Stadt mit all dem Gewimmel spürte ich kaum noch wirkliches Leben. Ich ließ mich durch die Straßen treiben, durch die Fußgängerzone und erreichte das Sterntor. Altes stand vor Neuem, das alte Tor vor dem modernen Kaufhaus. Ich spürte wenig vom Geist des Ursprünglichen in der Stadt.

Die Zeit blieb nicht stehen. Nun wollte ich die wenigen Momente, die mir noch verblieben, in Beethovens Geburtshaus verbringen.

Seine Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Seine Werke haben mich immer wieder neu fasziniert, ob auf dem Klavier, Stücke völlig neu erobernd, oder berührt einfach durch Hören, Hin-Hören.

Ich stieg knarrende Holzstiegen in dem väterlichen Hause Beethovens empor. Ich sah Schrifttafeln mit Informationen, Notenwerke, sah Beethovens Violinen, sein Klavier, auf dem er das letzte Mal gespielt hatte, Portraits verschiedener Künstler von ihm. Der eigentlich verbissen dreinschauende Beethoven, sein Schicksal versuchend zu meistern, damit sein Wunder-bares Schaffen geboren werden und sich der Welt offenbaren konnte. Ich betrachtete seine Hörrohre. In jungem Alter wurde Beethoven schwerhörig, später nicht mehr hörend – taub. Diese Hörrohre halfen ihm nicht sehr, und doch hoffte Beethoven auf Hör-Verbesserung. Ich sah das Notizbüchlein, in das seine Freunde und Verwandten hineinschrieben, damit er sie verstand – er antwortete ihnen mündlich.

Ich las die vielen Informationen im Museum kaum, war ein wenig zerstreut – alles nur Fakten, Zahlen, kurz aufgenommen und gleich wieder vergessen. Nahrung für meine Seele gab mir das Umherlaufen durch die Atmosphäre des Jahrhunderte alten Hauses und das einfach nur Er-Spüren, das Aufnehmen mit dem Herzen.

Plötzlich stand Beethoven mir gegenüber, eigentlich mehr Schulter an Schulter mit mir. Er war ein wenig größer als ich, aber zart gebaut, der Kopf nicht übermäßig groß, trotz seiner Locken – eine Beethoven-Büste gold glänzend auf einem langen Sockel. Der Wiener Bildhauer Franz Klein hatte einst eine Lebendmaske von dem damals 41-Jährigen angefertigt und darauf abgestimmt diese wundervolle Büste. Ich las eine Schrift an der Wand, war nicht ganz bei der Sache, stand unbeweglich, er-spürte das Wesen Beethovens.

Ich sah, er war ein Mensch wie ich, mit seinen Freuden und Nöten. Nicht das unerreichbare Genie, der Meister, der viel höher steht als ich, nicht der Komponist aus der Vergangenheit – sondern Beethoven, jetzt, wie er lebt. Er ist mir gleich, er ist ein Bruder von mir. Ich spüre sein Wesen, ja, seine Liebe. Die Liebe, die in seinen Kompositionen zum Ausdruck kommt.

Beethoven muss etwas von erhabenen Schwingungen aus göttlichem Gebiet gespürt und erfahren haben. Er hat dieses Unaussprechliche für die Menschen in Musik umgesetzt. Dadurch kann eine Präerinnerung, die Göttliches erahnen lässt, im Menschen erwachen, wenn er offen ist, wenn er Es zulässt.

Innerlich hat Beethoven seine Sinfonien gehört und dann niedergeschrieben. Äußerlich hat er sie nicht gehört bei den Uraufführungen. Sein Hörorgan hatte sich nach innen verlegt. In der äußeren Welt mit all ihrem Haschen nach Nichts hatte Beethoven es schwer. Aber in seinem Inneren war er leicht, dort fühlte er sich viel eher zu Hause und schöpfte und schöpfte aus einem völlig anderen Quell, vielleicht aus dem Quell, der in jedem Menschen verborgen liegt – göttlich schweigend.

Vielleicht habe ich das Wesen-tliche von Beethoven erfahren, sein Wesen geschaut.

Dieses sekundenlang dauernde Erlebnis im Beethoven-Haus war das mit Sinn Erfüllende meiner Reise nach Bonn.

Es hinterließ Freude.

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