Kunst

Amfortas, Parsifal und die Gralskraft

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Jede Mythe kann auf verschiedenen Ebenen verstanden werden. In dieser Betrachtung möchte ich die Wunde des Amfortas als den Schmerz des Ego verstehen. Es ist ein Schmerz, der auf unserer Lebensebene nicht zu heilen ist. Das irdische Ego ist da.

Es führt immer wieder zu all den Kompliziertheiten, dem Gewollten und nicht Gewollten. Und im Raum der Dualität ist das Gewollte auch gleichzeitig das Ungewollte und umgekehrt. Es maßregelt und wird gemaßregelt, es kämpft und wird bekämpft, es strebt vom Einen zum Anderen und findet nie die Mitte, das Leben aus der Ruhe.

Der suchende Aspekt ist Parsifal. Er sucht sein Leben lang nach einem Ausweg, nach dem Höheren. Lange Zeit erkennt er nicht, wenn es möglich wäre, zu erkennen, und meist erkennt er das weniger Bedeutsame. Verwirrend ist sein Weg und von außen betrachtet unverständlich. Der Tor handelt töricht.

Dieses Drama kann sich ein Leben lang hinziehen, ja über Inkarnationen hinweg. Bis die Einsicht dämmert, dass Amfortas und Parsifal allein nie zu einem guten Ende kommen können. Das Ego beherrscht den suchenden Aspekt. Es ist eine Art Obrigkeit, die Verstand, Vernunft, Denken und Fühlen für sich einzunehmen, für sich nutzbar zu machen weiß. Parsifal durchschaut dies nicht. Er projiziert das schlechte Gewissen, das in ihm aufsteigt, auf das Ego, das auf diese Weise immer wieder von Schuldvorwürfen geplagt wird. Es will auf Reisen gehen und die Welt genießen. Aber dann kommen Gedanken wie:  Du könntest eine wichtige Aufgabe erfüllen, aber du tust es nicht. Du bist schlecht, unfähig. Noch im Genuss lebt das Ego als der Gequälte, der Blutende, der mit der offenen und schmerzenden Wunde.

Dieses Dilemma kann bis zur Verzweiflung gehen. Es gelingt nicht, mit sich ins Reine zu kommen. Gut und Böse, das Hohe und das Niedrige, das Ferne und das Nahe, das Schöne und das Hässliche prallen aufeinander in einem fortwährenden Spiel.

Eine dritte Kraft muss wirksam werden, eine Kraft aus einer anderen Ebene. Es ist die Gralskraft, die vereinigende Kraft. Auch sie befindet sich in unserem Innern. Der Gral wird unbemerkt vorbei getragen. Parsifal muss ihn erkennen. Dann kann er mit der Waffe, die einst die Wunde riss, diese wieder schließen. Der Speer hebt mit der Geistkraft der Erkenntnis die ständig Schmerz verursachende Dualität von Amfortas und Parsifal auf. Sie vereinen sich zu einer Seele, die sich dem wahren ICH nähert. Dieses ICH ist der Jesus (I) Christus (CH) im Menschen.

Parsifal wird zum Gralshüter. Er nimmt die Stelle des Bewusstseinsträgers ein. Anders als Amfortas kann er die Kräfte bewusst einsetzen, nicht mehr egozentriert. Das Gralsmotiv führt ihn auf eine höhere erkennende Ebene der Erfahrung. Nicht nur Heilung der Wunde ist Ziel des Dramas, sondern vollständiges Erwachen, Erlösung in der Bewusstwerdung des Ganzen.

Gemälde: Arthur Rackham
2 Kommentare
  • Monika MeurischBeantworten

    Der Artikel beschreibt einen für mich bislang noch unverstandenen Teil meines Gefühllebens aus jungen und sehr jungen Tagen. Bis heute kann mich dieser Schmerz des Nicht- Verstehens und Falsch- Zuordnens intensiv treffen. Danke für diese Beschreibung.

  • Wolfram BauerBeantworten

    Sehr gut zusammengefasst und interpretiert. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Warum hier der Mythos mit Jesus Christus assoziiert werden muss, ist unergründlich. Insofern kann ich auch die Aversionen von Nietzsche nachvollziehen.

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